ADDISON E. STEELE

 

 

Buck Rogers

im 25. Jahrhundert

 

 

 

Roman

 

Apex Science-Fiction-Klassiker, Band 3

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

BUCK ROGERS IM 25. JAHRHUNDERT 

Prolog: 1987 

1. 2491 

2. Rückkehr zur Erde 

3. Die Innere Stadt 

4. Das Urteil 

5. Anarchia 

6. Angriff der Raumpiraten 

7. Die Friedensmission 

8. An Bord der Draconia 

9. Enthüllungen 

10. Vorbereitungen 

11. Der Angriff auf die Erde 

Epilog 

 

Das Buch

 

Buck Rogers, ein Astronaut aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, kehrt – nachdem er 500 Jahre lang im Kälteschlaf an Bord seines Space Shuttles Ranger 3 durchs Weltall getrieben ist – zur Erde zurück, die von den entsetzlichen Folgen eines weltweiten nuklearen Holocaust gezeichnet ist. Im Jahr 2491 gerät er in die Auseinandersetzung zwischen den Bewohnern der Erde und dem mächtigen Draconianischen Imperium. Von beiden Seiten als Verräter gejagt bleibt ihm nur wenig Zeit, seine Unschuld zu beweisen und die Erde vor der endgültigen Vernichtung zu bewahren...

 

Buck Rogers im 25. Jahrhundert ist die Roman-Adaption des Kinofilms Buck Rogers aus dem Jahr 1979,  verfasst von Addison E. Steele (= Richard A. Lupoff) nach dem Drehbuch von Glen A. Larson (Kampfstern Galactica, Knight Rider) und Leslie Stevens (The Outer Limits). Dieser Film war gleichzeitig der Pilotfilm der gleichnamigen legendären TV-Serie mit Gil Gerard als Buck Rogers, Erin Gray als Wilma Deering und Tim O'Connor als Dr. Huer. 

BUCK ROGERS IM 25. JAHRHUNDERT

 

 

  

  Prolog: 1987

 

  Das Raumschiff, das sich groß und stolz im frühen Morgensonnenschein auf dem Startgelände von Cape Canaveral, Florida, erhob, verkörperte den neuesten Stand der Technik der Freien Welt. Seine klaren Linien waren schlichtweg schön. Die Kommandokapsel war funktionell und leistungsfähig. Die besten Ingenieure hatten sie auf den Mikromillimeter genau konstruiert. Ihre teuren Maschinen waren das Fortschrittlichste an mechanischer Intelligenz, was die Menschheit je besessen hatte.

  Der Antrieb war ein Traum. Er war auf höchste Leistung, einwandfreie Kontrollmöglichkeit, reibungsloses Funktionieren und auf flexible Manövrierfähigkeit ausgelegt.

  Die Ingenieure hatten behauptet, es sei unmöglich, all diesen Erfordernissen gerecht zu werden. Die Finanzexperten hatten behauptet, das Projekt werde viel zu teuer. Die Politiker hatten behauptet: Die Prioritäten wurden völlig falsch gesetzt! Wir müssen die Städte modernisieren, wir müssen Nahrungsmittel für verhungernde Völker schaffen, wir müssen die Luft und die Meere, die Flüsse und das Land säubern.

  Dann wurden die Politiker zu einer Geheimkonferenz auf höchster Ebene eingeladen. Limousinen, die eine Gallone des schwarzen Goldes auf fünf Meilen verbrannten – schwarzes Cold, das im Jahre 1987 beinahe vier Dollar pro Gallone kostete -, fuhren sie durch Nebenstraßen an schweigenden Zuschauern vorbei bis zur Pennsylvania Avenue und zum Weißen Haus. Ein Mitarbeiter des Präsidenten begrüßte sie unter den Säulen des Haupteingangs und führte sie in einen Konferenzsaal.

  Der Mitarbeiter des Präsidenten verschwand, kurz nachdem die Politiker eingetroffen waren. Er kam mit einem Stoß Unterlagen zurück, die er unter den Senatoren verteilte, jeder Senator erhielt eine Mappe. Auf jeder Mappe stand in leuchtenden roten Buchstaben:

 

  Dieses Material ist streng geheim. Sie dürfen es nicht mit nach Hause nehmen. Sie dürfen die darin enthaltenen Informationen weder zitieren noch auf sie anspielen, sei es in der Öffentlichkeit oder im privaten Gespräch oder über ein Medium irgendeiner Art, sei es direkt oder indirekt. 

 

  Den Senatoren wurden ein paar Minuten zugestanden, in denen sie sich mit dem Inhalt des Dokuments vertraut machen konnten. Eine Diskussion wurde nicht erlaubt.

  Wieder verschwand der Mitarbeiter, und als er zurückkehrte, folgte ihm der Präsident selbst.

  Der Präsident war korrekt gekleidet und frisch rasiert und zeigte ein optimistisches Lächeln. Er war ein überzeugender Schauspieler – aber Senatoren sind ebenfalls gute Schauspieler. Sie durchschauten sehr schnell die lächelnde Maske.

  Der Präsident gab eine Erklärung ab. Die Senatoren stellten Fragen. Was sie in ihrem jeweiligen Heimatstaat, im Pentagon, durch den Geheimdienst und hier im Weißen Haus erfahren hatten – es zielte alles in eine Richtung. Der Präsident brauchte nicht erst zu bitten, brauchte nicht erst die beiden Fähigkeiten ins Treffen zu führen, die ihm zu seiner hohen Position verholfen hatten – weder seinen berühmten Charme noch seine berüchtigte Erpressungstaktik.

  Der Präsident teilte den Senatoren die nackte Wahrheit mit, und sie gingen zurück in den Senat und genehmigten die Mittel.

  Die NASA und alle Vertragsfirmen der NASA arbeiteten in den nächsten Monaten vierundzwanzig Stunden pro Tag in fieberhafter Eile.

  Und jetzt glitzerte das Raumschiff in der Morgensonne.

  Landeinwärts spielte eine leichte Brise mit den Reihen der Palmettos und Kalamanderbäume. Draußen auf dem Atlantik schwebten Möwen in der reinen, nach Salz riechenden Luft. Aber weit und breit war kein Boot zu sehen, kein Fischerboot, keine Reiche-Leute-Jacht und kein Touristendampfer.

  Sie hätten von Reaktionsmaterial, vom Ausstoß der Raketen, von heißen Partikeln getroffen werden können. Jeder, der sich unterhalb einer in den Himmel donnernden Rakete befand, riskierte es außerdem, einen Tausend-Tonnen-Zylinder aus Metall, Plastik und weniger bekannten Stoffen auf den Kopf zu bekommen.

  Die Möwen und Fische mussten für sich selbst. sorgen.

  Innerhalb des Raumschiffs ging ein einziger Mann die Checkliste für die Schalter und Kontrollen, die Sicherheitsvorrichtungen, Computerprogramme, Anzeigen, Verbindungen, Knöpfe, Skalen und Indikatoren durch. Seine Kopfhörer vermittelten ihm einen stetigen Strom von Instruktionen und Fragen und Kommentaren der Bodenkontrolle. Die Ablesungen und Antworten sprach er beinahe im Flüsterton in ein winziges Mikrofon.

  Hunderte von Mikrosonden nahmen seine Hauttemperatur, seinen Blutdruck, seine Atmung, die Bewegungen seiner Augäpfel, seinen Herzschlag, die Spannung seiner Muskeln, seinen Nervenzustand und sogar seine Gehirnwellen auf. Innerhalb des Towers erschienen diese und viele andere Werte auf Videoröhren, die in einem unheimlichen Licht glühten. Über lange Papierrollen ratterten automatische Schreibstifte und legten den Zustand des Astronauten in roten, grünen, blauen, schwarzen und purpurfarbenen Linien nieder, und die Linien tanzten und überschnitten und trennten sich auf dem blass türkisfarbenen Papier.

  Hoch über dem Atlantik fand ein kompliziertes Such- und Versteckspiel statt. Amerikanische Raumsatelliten wurden an das Raumschiff-Boden-Kontrollnetz angeschlossen, um telemetrische Informationen weiterzugeben, Beobachtungen aufzunehmen, Daten zu liefern. Gleichzeitig suchten ausländische Killersonden nach den amerikanischen Kommunikationssatelliten. Fanden sie einen, zischten unsichtbare Laserstrahlen auf. Der zerstörte Satellit fiel nicht wie ein Meteor zur Erde nieder. Er blieb im Orbit. Noch Jahre oder sogar Jahrhunderte würde er ruhig weiter seine Bahn um die Erde ziehen, dabei langsam niedriger werden und in den dichteren Atmosphäre-Schichten verglühen. Aber von nun an war er tot.

  Ausländische Spionage-Satelliten versuchten, die Gespräche zwischen dem Astronauten in seinem Schiff und den Hunderten von Ingenieuren und Flugkontrolleuren abzuhören, die an ihren Konsolen saßen und ihre Instrumente und Skalenscheiben ablasen, ihre Schalter und Knöpfe drehten, ihre Checklisten abhakten...   Sie lauschten den geflüsterten Worten des Piloten und flüsterten Antworten auf seine Fragen zurück und prüften zum zweiten und dritten Mal jede Variable.

  Der Astronaut steuerte eine komische Komponente bei.

  Er hatte blaue Augen, kurzgeschnittenes Haar und eher die geschmeidige Kraft eines Leichtathleten als die schwellenden Muskeln eines Gewichthebers. Und er summte ab und zu halblaut eine Melodie vor sich hin. Es war ein altes Lied. Es war schon vor der Geburt seines Vaters geschrieben worden, damals, als sein Großvater noch ein kleiner Junge gewesen war. Ein richtiger Ohrwurm war es.

  Die NASA-Leute vernahmen die Melodie mit Staunen, und wir können sicher sein, dass sie auch diejenigen verblüffte, die auf einem anderen Kontinent saßen und durch das statische Rauschen und die elektronischen Hintergrundgeräusche den Dialog mitzuhören versuchten, den ein Spionage-Satellit im Orbit über Cape Canaveral aufnahm.

  Der Astronaut fing immer wieder an, ein ulkiges Liedchen über eine wundervolle Stadt, eine lustige Stadt zu singen, eine Stadt, in der ein Mann sogar mit seiner eigenen Frau tanzt. Chicago, das war die Stadt. Chicago.

  Die Welt schwankte zwischen Armut und Reichtum, zwischen Hunger und Überfluss, zwischen Tyrannei und Freiheit. Sie schwankte zwischen Krieg und Frieden.

  Hoch über dem Atlantik schoss eine Killersonde auf einen amerikanischen Relais-Satelliten zu. Ihre mechanischen Augen stellten sich automatisch auf ihre Beute ein, und ihr Laserprojektor visierte sein Ziel an. Gleichzeitig entdeckte ein amerikanischer Anti-Killersatellit das feindliche Gerät und ließ seine Düsen feuern, um in Reichweite zu kommen. In dem Augenblick, als die feindliche Killersonde ihren Laserstrahl abfeuerte, warf sich der amerikanische Satellit gegen sie und brachte sie vom Kurs ab.

  Während all dies geschah, wirbelte ein Schwarm kleiner Meteoriten lautlos und unsichtbar auf seiner Bahn oberhalb der Erdatmosphäre dahin.

  Niemand weiß, wie viele Meteore im ganzen Sonnensystem verstreut sind. Niemand hat sich auch nur an einer einigermaßen zuverlässigen Schätzung versucht. Wir wissen, dass es eine Menge von ihnen gibt, aber man kann nur raten, ob das Tausende, Millionen oder Milliarden bedeutet. Meteore sind keine großen Objekte wie Kometen. Sie bewegen sich nicht in regelmäßigen Umlaufbahnen, oder falls sie es tun, sind diese Bahnen den Astronomen nur selten bekannt.

  Es gibt einfach zu viele Meteore, und die meisten von ihnen sind zu klein und leuchten zu trübe, als dass sie von der Erde aus gesehen werden könnten. Der größte von ihnen ist vielleicht so groß wie ein kleiner Planetoid, der kleinste mag den Umfang eines Körnchens Monosodiumglutamat haben.

  Gerade zu der Zeit, als der amerikanische und der feindliche Satellit hoch über dem Atlantischen Ozean ihr tödliches Bäumchen, wechsel dich spielten, sauste ein Schwarm von Meteoriten vorbei. Ihre Umlaufbahn war ein Geheimnis, aber ihre augenblickliche Position betrug nicht viel mehr als tausend Meilen über dem Atlantik und war nicht weit von dem Startgelände auf Cape Canaveral entfernt.

  Die letzten Sekunden des Countdowns liefen ab. Der Astronaut, halb sitzend, halb liegend in der Kommandokapsel des fortschrittlichsten Raumschiffs, das je von Menschenhand erbaut worden war, empfing in seinen Kopfhörern die Zahlen als geisterhaftes Flüstern,

  »Zehn.«

  Der Astronaut warf einen letzten Blick auf seine Checkliste, überzeugte sich, dass hinter jeder Position die richtige Eintragung stand.

  »Neun.«

  Der Leiter der Bodenkontrolle überprüfte die gleichen Werte wie der Astronaut und nickte befriedigt vor sich hin.

  »Acht.«

  Der Astronaut klappte seine auf Plastik aufgezogene Checkliste zu und richtete seine Augen auf den Realzeit-Chronometer.

  »Sieben.«  

  Das Kommunikationssystem gab die gleiche Information, die der Astronaut ablas, an die Bodenkontrolle weiter.

»Sechs.«

  Tausend Meilen weiter oben empfing der Kommunikationssatellit, ohne sich der knapp an ihm vorbeigegangenen Vernichtung durch eine feindliche Killersonde bewusst zu sein, die Information von dem Raumschiff und sandte sie mit der Geschwindigkeit von Radiowellen – das heißt, fast mit der Geschwindigkeit des Lichts – gleichzeitig nach Cape Canaveral und zu der NASA-Zentrale in Houston zurück. Das war eine beinahe narrensichere Methode, zu vermeiden, dass irgendetwas schiefging.

  »Fünf.«

  Auf Cape Canaveral und in Houston hingen Hunderte von Augenpaaren unverwandt an den grünleuchtenden Bildschirmen, als könnten sie durch reine Willenskraft die Ausschläge der tanzenden Linien innerhalb zugelassener Toleranzen halten.

  »Vier.«

  Auf der Tribüne der prominenten Zuschauer strengten Dutzende von Generalen und Admiralen und Kongressabgeordneten und Senatoren ihre Augen an, um den ersten Feuerausstoß zu erkennen, der das Zünden der Rakete anzeigte.

  »Drei.«

  Der NASA-Chef, seit dem Alter von neun Jahren ein überzeugter Atheist, sprach ein stilles Gebet für die Sicherheit des Piloten und den Erfolg der Mission. Er wusste nicht, zu was sich diese Mission entwickeln würde. Wenn er es gewusst hätte, wäre der Wortlaut des Gebets wohl etwas anders ausgefallen.

  »Zwei.«

  An Bord des Raumschiffs wandte der Astronaut seinen Kopf um neunzig Grad und sah zum letzten Mal vor dem Abheben aus dem winzigen Fenster. Seine Lippen bewegten sich. Er murmelte den Text des Songs, der geschrieben wurde, als sein Großvater noch ein kleiner Junge gewesen war.

  »Chicago...« 

  »Eins!«

  »Chicago...«

  »Null!«

  »...you're my kind of town.«

  Ein feindlicher Spionagesatellit empfing diese Zeile und gab sie pflichtgetreu an eine Bodenstation auf einem anderen Kontinent weiter. Die Wissenschaftlerin im Offiziersrang, die dort vor dem Monitor saß, hob die dunklen Augenbrauen. Der Ausdruck intelligenter Konzentration, der normalerweise auf ihren regelmäßigen Zügen lag, wich dem der Verblüffung.

  Plötzlich – und anfangs scheinbar lautlos – blühte auf Cape Canaveral die riesige Feuerblume in Orange, Gold und Rot auf. Für einen Augenblick war das Raumschiff verschwunden – nicht nur für die Prominenz auf der Tribüne, sondern auch für die geschulten Augen der Techniker, die den Start auf Bildschirmen überwachten.

  Der Astronaut in seiner Kabine machte die Erfahrung, dass ihn endlose Monate des Trainings nur halb darauf vorbereitet hatten, welche gewaltigen Kräfte ihn wie mit einer Riesenhand auf seine Andruckliege pressen würden. Seine stahlblauen Augen schlossen sich vor Anstrengung. Sein Fleisch wurde zusammengepresst. Seine Hände versanken in den dafür konstruierten Stützen. Der Druckanzug bewahrte seinen Körper davor, zerquetscht zu werden, aber der Rumpf des Anzugs selbst dehnte sich aus und streckte sich.

  Sogar der Name des Astronauten, der sorgfältig auf ein Abzeichen an seinem Anzug gestickt war, verzerrte sich. Es hätte schon einiger Mühe bedurft, in diesem Augenblick die Buchstaben zu entziffern.

  Sein Name war Rogers. In seinen Akten stand William Rogers, Captain, United States Air Force, für ein Sonderprojekt, das dem Weißen Haus direkt unterstand, an die NASA ausgeliehen.

  Captain Rogers Freunde hatten einen kürzeren Namen für ihn, einen Namen, den er seit seiner Kindheit trug. Niemand wusste, ob damit ein Wildpferd oder ein Dollar gemeint war, aber alle nannten ihn Buck.

  Auf den Monitoren in Florida und Texas tauchte das Raumschiff wieder auf. Es ritt ein paar Sekunden auf dem wachsenden Flammenball, balancierte darauf mit seinem Heck, und dann schwang es sich hinauf in den sonnigen Morgenhimmel von Florida.

  Zwischen Captain Rogers und der Missionskontrolle gab es einen kurzen Austausch von Informationen. Das Raumschiff wurde auf den Abwurf der ersten Raketenstufe vorbereitet.

  Dann fiel die ausgebrannte erste Stufe nach unten, und die zweite Stufe wurde gezündet. Zum zweiten Mal fühlte Captain Rogers sich von einer Riesenhand auf die Andruckliege gepresst. Erneut vervielfachte sich sein Gewicht, wurde sein Körper flachgedrückt. Endlich brannte auch diese Stufe aus, und Buck widmete sich seiner Aufgabe, die Instrumente abzulesen und Kurskorrekturen vorzunehmen.

  Die Satelliten setzten ihr tödliches Spiel fort. Steuerdüsen feuerten, Ziele wurden anvisiert. Unsichtbare Laserstrahlen fanden manchmal ihr Ziel, manchmal auch nicht.

  Lautlos zog in größerer Höhe über dem Planeten ein Schwarm von Meteoriten vorbei, Millionen oder Milliarden Jahre alt.

  Buck Rogers Schiff hatte die ersten Stufen verbraucht und abgestoßen. Die Kommandokapsel mit anhängendem Hilfsmodul verließ wie ein schlanker silberner Pfeil die Erdatmosphäre und verfolgte weiter ihre vorgeschriebene Bahn.

  Bei Bucks Mission handelte es sich nicht um einen schnellen Flug zum Mond und zurück. Mondexpeditionen hatte man vor beinahe zwei Jahrzehnten durchgeführt. Wissenschaftlich ausgebildete Astronauten hatten ihre Proben eingesammelt, ihre Experimente durchgeführt, ihre Schlüsse gezogen, die Schlüsse mit Massen von Daten untermauert und den toten, schweigenden Mond wieder der Einsamkeit überlassen, in der er seit Milliarden von Jahren dahinzog.

  Buck sollte monatelang von der Erde abwesend sein und die Planeten und das Vakuum dazwischen erkunden. Wenn er zur Erde zurückkehrte, hielt er den Rekord sowohl in dem längsten Raumflug als auch in der größten Entfernung, die je von der Erdoberfläche zurückgelegt worden war. Sein Flug sollte sich nicht über Millionen, sondern über Milliarden von Meilen erstrecken. Mit ihm wurden die Träume von Verne und Wells, von Zilkowski und Goddard und von Braun und Ley, von Hamilton und Williamson und Gernsback und Campbell und Brackett Wirklichkeit.

  Plötzlich hagelten winzige Meteorite gegen die Außenhülle von Buck Rogers Raumschiff. Von innen hörte es sich anfangs an, als prassele eine Handvoll Kies auf ein Blechdach. Innerhalb von Sekunden verstärkte sich das Geräusch. jetzt klang es eher nach einem Maschinengewehr, das auf Dauerteuer geschaltet war, dann nach einem Schlachtfeld mit vielen Maschinengewehren und Schnellfeuerkanonen. Ihr Geknatter wurde gelegentlich durch das Krachen schwerer Kanonen übertönt.

  Im Innern der Kommandokapsel hatte Buck Rogers wenig Zeit, über solche Vergleiche nachzudenken. Sein Raumschiff wurde von zahllosen kleineren und größeren Einschlägen geschüttelte und umhergewirbelt. Es drohte von seiner Flugbahn abzukommen und Nase über Heck dahinzutaumeln.

  Die Meteore mussten mit irgendeiner merkwürdigen elektrischen Ladung versehen sein, denn plötzlich begannen vor Buck Rogers Augen schillernde Lichter zu tanzen. Die Atmosphäre in der Kapsel verwandelte sich in ein brodelndes Kaleidoskop von leuchtenden Gasen. Jede Schattierung des Spektrums war vorhanden, von einem seltsamen Chartreuse-Grün bis zu bizarren purpurnen Rot- und Blautönen, von einem tanzenden, pulsierenden Gelb und Gold zu schwerem, trägen Grau, Ocker und Schwarz.

  Auf seiner Andruckliege gefangen, konnte Buck nur fassungslos zusehen, wie die Lebenserhaltungskontrollen des Schiffes verrücktspielten. Die Anzeigen für Ionenmessung und Strahlung schwankten wild auf und ab. Der Druck stieg und sank, stieg und sank, bis Buck sich wie in einer Falle fühlte, die sich im Mittelpunkt einer gigantischen Vakuumkammer befand. Die Temperatur schoss kurz auf eine gefährliche Höhe und fiel dann beinahe augenblicklich auf den absoluten Nullpunkt.

  Buck Rogers, dessen Raumanzug überraschenderweise noch intakt war, lag wie eine Statue aus poliertem Marmor auf seiner Andruckliege. Wenn eine Hand ihn hätte berühren können, hätte er sich so kalt und steif wie ein toter Gegenstand angefühlt. Aber er war weder eine Statue noch ein Leichnam. Er war ein lebender Mensch in einer Art von Stasis. Nicht einfach steifgefroren, sondern in zeitloser Konservierung lag er da mit nichtsehenden Augen, nichtschlagendem Herzen und nichtdenkendem Gehirn.

  Sein Schiff taumelte weiter durch den Raum. Es hätte auf seiner Bahn mit einem anderen Körper zusammenstoßen können, aber der Raum ist groß, und auch die umfangreichsten Objekte füllen nur einen winzigen Bruchteil seines Volumens aus.

  Bucks Schiff hätte mit einem anderen Körper zusammenstoßen können, aber alle Gesetze der Statistik besagten, dass dies nicht sehr wahrscheinlich war, Nein, es war viel wahrscheinlicher, dass es einfach immer weiter und weiter und weiter durch den Raum ziehen würde.

  Der geplante Flug von fünf Monaten würde sich auf Jahre, dann auf Jahrzehnte, vielleicht sogar auf Jahrhunderte verlängern. Für Buck, der in dem Sarkophag aus

Metall und Plastik lag, zu dem sein Raumschiff geworden war, bedeutete die Zeit nicht mehr, als sie irgendeinem Leichnam bedeutet, der in seinem Grab ruht.

  Aber Buck Rogers war nicht tot.

 

  Buck Rogers Schiff taumelte weiter durch die ungeheuren Räume des Sonnensystems. Er hätte viele seltsame Dinge sehen können, als das Schiff den Asteroidengürtel passierte und später an den Gasriesen mit ihren titanischen Atmosphären und ihren Familien von Ringen und Monden vorüberzog.

  Aber all das... erlebte er nicht.

  Buck Rogers war praktisch ein toter Mann – nur erheben sich Tote nicht aus ihren Gräbern.

  Fünfhundert Jahre!

  Fünfhundert Jahre vergingen, während Bucks Schiff ziellos durch den Raum fiel.

  Auf der Erde sorgte sein Missgeschick ein paar Tage lang für Schlagzeilen. Die Zeitungen widmeten dem toten Helden und seinem verlorenen Schiff Nachrufe. Die Fernsehsender wiederholten bis zum Überdruss die Aufnahmen von seinem Start, von den Boden- und Missionskontrollen auf Cape Canaveral und in Houston, die Interviews mit seinen Vorgesetzten, seinen Kameraden von der Air Force, seiner Familie, seinen alten Mitschülern, dem Milchmann, der sein Haus belieferte, und dem Lehrer, der ihn gescholten hatte, weil er Papierflugzeuge durch das Klassenzimmer warf, statt sich auf den Unterricht zu konzentrieren.

  Es gab sogar Vorschläge, eine Rettungsmannschaft nach Buck auszuschicken. Aber vernünftigere Köpfe verhinderten dies. Bis das Rettungsschiff ausgerüstet und gestartet war, würde viel zu viel Zeit vergehen. Es konnte Bucks Schiff auf gar keinen Fall mehr erreichen. Und wenn es Bucks Schiff hätte erreichen können, würde es nur noch einen Toten dann finden.

  Besser war es, dem Raum-Märtyrer ein Heldengrab im Vakuum zu gönnen. Sollte sein ziellos wanderndes Schiff ihn doch zu der außenweltlichen Walhalla bringen, wo die toten Astronauten und Kosmonauten aller Nationen auf ewigen Raumreisen in Brüderlichkeit zusammenfinden,

  Eine Woche später war die Geschichte von der ersten Seite der Zeitungen und aus den Nachrichtensendungen verschwunden und weitergewandert in die Feuilletons und das Hintergrundmaterial und die Talk-Shows.

  Ein paar Monate später war es nicht mehr Buck Rogers, sondern Buck Wie-hieß-er–noch-gleich. Und dann wurde er vergessen.

  Dynastien erhoben sich und stürzten.

  Kriege wurden ausgefochten.

  Die Erde schwankte – und kippte um.

 

 

 

  

  1. 2491

 

  Ein unglaublich antiquiertes Raumschiff taumelte ziellos und außer Kontrolle durch die Schwarze zwischen den Planeten. Dass es niemals den Weg aus dem Sonnensystem hinausgefunden und sich auf die Reise zu fernen Sternen gemacht hatte, lag an den kosmischen Gesetzen. Ohne Antrieb konnte Buck Rogers Schiff die Fluchtgeschwindigkeit zum Verlassen des Sonnensystems nicht erreichen. Im freien Fall hatte es den entferntesten Punkt seines Orbits erreicht und kehrte dann in weitem Bogen zu seinem Ursprung zurück.

  Jahrzehnte, Jahrhunderte waren vergangen, und jetzt war das Schiff wieder da. Sein statuenhafter Pilot war so gut erhalten, als sei ihm sein außergewöhnliches Unglück gestern und nicht vor fünfhundert Jahren zugestoßen.

  Denn inzwischen... schrieb man das 25. Jahrhundert, und die Welt war ein ganz anderer Ort, als sie es im 2o. Jahrhundert gewesen war.

  Bucks Schiff glitt auf seiner langsamen, aber stetigen Bahn durch den endlosen Raum, als es plötzlich auf einer Seite von Laserstrahlen getroffen wurde, die sich zu Flammenkugeln aufblähten und es von neuem zum Schaukeln brachten. Nun taumelte es stärker als je zuvor auf seiner langen Reise.

  Woher kamen die Laserstrahlen? Hatte Bucks Schiff endlich den Weg zurück zur Erde gefunden, und gab es dort immer noch jene alten Killersatelliten, die auf jedes Objekt feuerten, das sie als feindliches Raumschiff klassifizierten?

  Da erklang eine Stimme, eine grimmige Bassstimme war es. »Dies war ein Warnschuss. Verringern Sie Ihre Geschwindigkeit, und bringen Sie Ihr Schiff längsseits, oder wir müssen sie mit dem nächsten Schuss vernichten!«

  Aber das Schiff aus der Vergangenheit fiel weiter durch den Raum. Seine Systeme waren tot, sein Pilot ohne Bewusstsein. Vor fünfhundert Jahren hatte seine körperliche und geistige Tätigkeit bei einem Kälteschock ausgesetzt.

  Die Bassstimme gehörte einem dunklen Mann mit fest zusammengepressten Lippen, kalten Augen und einem überhaupt wenig sympathischen Gesichtsausdruck. Dieser Mann war Kane – hinter seinem Rücken Killer Kane genannt. Ob dieser Ehrentitel auf Kain, den ersten Mörder, anspielte, ist umstritten. Jedenfalls drückte er genau aus, was dieser Mann war.

  Er saß an den Kontrollen eines Kampfschiffs. Seine großen Hände führten die notwendigen Bewegungen mit einer Routine aus, die schon an Verachtung grenzte. Links und rechts von ihm schwebte je ein Schwesterschiff.

  Kane gab ihnen seine Befehle. »Feuer!«

  Die Laserstrahlen trafen. Bucks Schiff entging nur knapp einer Explosion.

  »Näher heran«, murmelte Kane. Bisher hatten nur seine beiden Untergebenen geschossen, aber sein eigenes Schiff war ebenso bewaffnet, und jetzt drückte er selbst auf den Feuerknopf, sobald das antike Raumschiff in Sicht kam. Das fünfhundert Jahre alte Artefakt wurde durchgeschüttelte und herumgeworfen, konnte jedoch weder zurückschießen noch fliehen.

  Kane befahl: »Vernichtet ihn...!« Sein Schiff, das sich bereits mit einer unglaublichen Geschwindigkeit durch den Raum bewegte, wurde noch schneller, kam ganz nahe heran, bereit, seine hilflose Beute in weißglühende Trümmer zu verwandeln. Das Innere des alten Raumfahrzeugs bot einen unheimlichen Anblick. Man stelle sich vor, dass ein Forscher eine Krypta öffnet, die seit Hunderten und Tausenden von Jahren verschlossen und vergessen war. Mit angehaltenem Atem, klopfendem Herzen und feuchten Händen spähte er hinein. Und dann...

  Alles in Buck Rogers Schiff war tiefgefroren. Das Fenster war mit Reif überzogen, aber nicht außen, denn im Raum gibt es keinen Wasserdampf, der kondensieren könnte. Nein, die Luft, die sich in der Kabine befunden hatte, und die Gase, die sie in den Sekunden des katastrophalen Meteoritensturms überfluteten, hatten sich auf der Innenseite niedergeschlagen.

  Gegen das reifbedeckte Fenster lehnte der Kopf eines bärtigen Mannes. Sein Kinn war gegen den Kragen seines Druckanzugs gepresst. Sein Körper war völlig steif. Sämtliche Flächen in der Kommandokapsel waren mit glitzerndem Eis überzogen, und der Mann selbst auch. Offensichtlich war die Stasis nicht hundertprozentig wirksam gewesen. Denn Buck Rogers hatte sein Schiff glattrasiert betreten, aber in den fünfhundert Jahren waren ihm Bart und Haar lang und zottig gewachsen.

  Kane lenkte sein Kampfschiff mit der Mühelosigkeit, die er sich in hundert Raumkämpfen, in tausend Manövern erworben hatte, neben das unbekannte Objekt.

  Seine kalten dunklen Augen blickten durch das reifüberzogene Fenster in das fremde Schiff. »Er scheint tot zu sein«, bemerkte er.

  »Desintegrieren wir ihn«, schlug eine zweite Stimme vor. »Der Kurs von Prinzessin Ardalas Schiff führt genau an diesem Wrack vorbei. Es könnte mit ihm zusammenstoßen.«

  Kane schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe noch nie so etwas gesehen. Es mag der Mühe wert sein, das Ding zu untersuchen«

  Überlegend rieb er sich das Kinn. »Hüllt das Wrack in ein Kraftfeld und bringt es an Bord der Draconia. Öffnet einen Kommunikationskanal zu Prinzessin Ardala. Informiert sie, dass wir an Bord eines feindlichen Raumfahrzeugs gehen und dass sie später einen Bericht erhalten wird, was wir dort vorgefunden haben.«

  Kane stellte seinen Kommunikator ab und blickte unverwandt weiter durch die beiden Plastikscheiben, die ihn von Buck Rogers trennten, in das schlafende Gesicht des Raumfahrers aus der Vergangenheit. Und in Kanes Blick schien etwas Abschätzendes zu liegen.

 

  Man stelle sich vor: Im Zweiten Weltkrieg sei irgendein Flugzeugpilot von einer Basis in Europa oder Amerika oder einer Insel im Pazifik gestartet und habe sich von Angesicht zu Angesicht mit einer Saturn-V-Rakete befunden, die soeben mit fünftausend Meilen pro Stunde in die Umlaufbahn eingeschossen wurde. Bestimmt wäre er zur Basis zurückgekehrt, wäre geradenwegs in das nächste Lazarett gelaufen und hätte sich selbst als einen Fall von akuter Kampfermüdung bezeichnet. Er hätte es einfach nicht glauben können.

  Und jetzt stelle man sich vor: William Rogers, Captain der United States Air Force, hebt an einem sonnigen Morgen des Jahres 1987 von Cape Canaveral ab. Oberhalb der Erdatmosphäre gerät er in einen Meteoritensturm. Was in den nächsten fünfhundert Jahren geschieht, weiß er nichts mehr, und dann...

  Ein gigantisches Schiff wälzte sich durch den Raum. Es war Bucks Fahrzeug nicht nur zehn oder zwanzig oder fünfzig Jahre voraus. Und es war nicht einfach um so viel größer, wie die Consolidated B-36 an Größe das erste Flugzeug der Gebrüder Wright übertraf. Nein, der Unterschied im Umfang und in der technischen Entwicklung war der von fünf Jahrhunderten! 

  Buck Rogers Schiff nahm sich auf dem Landedeck des Riesenschiffs aus wie ein hölzernes Wikingerschiff auf dem Deck eines Flugzeugträgers. Um das alte Fahrzeug drängten sich neugierige Techniker und wachsame Soldaten. Man stelle sich vor, das Versuchsmodell eines Hubschraubers aus dem Jahr 193o sei im Jahr 197o geheimnisvollerweise über dem Golf von Tonkin erschienen und sicher auf dem Deck eines amerikanischen Flugzeugträgers gelandet. Die Besatzung des Flugzeugträgers hätte bestimmt auf zweierlei Weise reagiert: Erstens einmal hätte man die seltsame Maschine verblüfft angestarrt. Und zweitens wären die Sicherheitskräfte auf fast paranoide Weise aktiv geworden.

  Ebenso war es auf dem großen Sternenschiff, in das Buck Rogers ein halbes Jahrtausend altes Fahrzeug ge- bracht worden war. Ein Schwarm von Technikern klopfte an dem Ding herum und brannte darauf, seine Geheimnisse zu enträtseln. Und gleichzeitig schritten zwischen ihnen Wachen des Draconianischen Reichs mit finsteren Gesichtern und schussbereiten Waffen umher.

  Den Befehl führte ein Mann, dessen autoritäres Auftreten jede Opposition im Keim zu ersticken pflegte: Killer Kane. Eine Ahnung sagte ihm, der steifgefrorene Pilot könnte noch wiederbelebt werden.

  Man holte Buck Rogers aus der Kabine und legte ihn auf einen von hellen Scheinwerfern angestrahlten Operationstisch. Man befestigte elektronische Sonden an seinem Körper. Man führte ihm durch Schläuche Stimulantien und Wiederbelebungsmittel zu.

Und Buck Rogers Augenlider flatterten!

 

  Das Staatsgemach war überwältigend in seiner Pracht. Es hatte die Ausmaße einer Kapitänskajüte auf der luxuriösesten aller antiken Jachten, und es diente seiner Bewohnerin sowohl als Empfangssalon und Wohnzimmer wie auch, je nach Lust und Laune, als Boudoir. Ein Himmelbett war mit dicken, weichen und exquisiten Fellen bedeckt. Sie stammten von Tieren weit entfernter Planeten. Der Raum enthielt Kissen und Spiegel und Parfumzerstäuber, Seidendecken und Morgengewänder.

  Inmitten dieses barbarischen Prunks lag auf dem Bett das Geschöpf, auf dessen Geschmack der Raum mit seiner Schönheit, seinem Luxus, seinem Versprechen von Wollust und seiner Andeutung von Sadismus zugeschnitten war. Es war eine Frau in einem Negligé, das ihr lang herabwallendes dunkles Haar, ihre weiche, glatte, olivenfarbene Haut, ihre schwarzen, leicht schrägen Augen und die schwellenden Formen ihres Körpers aufs Beste zur Geltung brachte.

  Es war die Prinzessin Ardala.

  Von der Kajütentreppe vor ihrem Staatsgemach ertönte ein Signal.

  »Herein!«, rief die Prinzessin herrisch.

  Kane erschien, einen Ausdruck tiefer Beunruhigung auf seinem dunklen Gesicht.

  »Und was ist an dem alten Raumschiff so wichtig, dass es nicht warten kann, bis ich aufgestanden bin?«, fuhr die Prinzessin ihn an.

  Gemessenen Schrittes, tiefes Nachdenken demonstrierend, näherte Kane sich ihr. »Der Mann lebt«, verkündete er. »Ich habe keine Erklärung dafür.«

  »Ihr wisst nicht, aus welchem Grund er lebt?«, fragte Ardala zurück. »Wollt Ihr mir dies Rätsel vorlegen, wie man ein lästiges Kind beschäftigt, damit die Erwachsenen sich in Ruhe wichtigeren Angelegenheiten zuwenden können?«

  Kane schüttelte den Kopf. Den Hohn ignorierte er. »Es ist meine Aufgabe, das Rätsel zu lösen, Kaiserliche Hoheit. Das Schiff ist sehr alt. So etwas habe ich bisher nur auf Abbildungen in Büchern über die Geschichte der Raumfahrt gesehen«

  »Kommt zur Sache, Kane! Was ist mit dem Piloten?«

  »Er war eingefroren, Kaiserliche Hoheit.«

  »Eingefroren?«

  »Durch eine Kombination von Gasen«, erklärte der Mann. »Oxygen, Freon, Kryogen.« Er schritt auf und ab, als halte er eine Vorlesung über Chemie. »Ozon.« Er nickte. Er zählte die einzelnen Substanzen an den Fingern ab, »Methalon. Immerhin eine beinahe perfekte Zusammensetzung.«

  Ardala zuckte ungeduldig die wohlgeformten Schultern. »In der ganzen zivilisierten Galaxis wird diese Technik in der Chirurgie und bei tödlichen Krankheiten angewandt.«

  »Ja«, stimmte Kane zu. »Ja... heute! Aber bei diesem Mann handelt es sich um etwas anderes. Sein Schiff, Kaiserliche Hoheit...«

  »Kane, ich bin ebenso wenig in der Stimmung, mir Vorträge anzuhören, wie ich Lust habe, Rätsel zu lösen. Kommt zum Kern der Sache oder entfernt Euch«

  »Nicht nur der menschliche Körper hatte aufgehört zu funktionieren, sondern auch die Anzeigen an Bord des fremden Schiffs. Unsere Wissenschaftler haben die Daten ausgewertet. Sie behaupten, dieser Mann und sein Schiff hätten sich seit dem Jahr 1987 in tiefgefrorenem Zustand befunden«

  Jetzt überstieg Prinzessin Ardalas Neugier ihre Gereiztheit  »Wollt Ihr damit sagen, Kane, dass...«

  »Genau. Dieser Mann muss über fünfhundert Jahre alt sein, Kaiserliche Hoheit«

  Ihre Augenbrauen wanderten vor Überraschung nach oben. »Ist das Ihr Ernst?«

  »Ich gebe Euch mein Wort! Der Pilot wurde durch irgendeine Katastrophe eingefroren und durch die erwähnte Gaskombination auf so perfekte Weise konserviert, dass er immer noch lebt.«

  Die Prinzessin räkelte sich lustvoll auf ihrer Pelzdecke. Man hätte glauben können, ein faszinierender Mann habe den Raum betreten, und sie bemühe sich, ihren Charme spielen zu lassen und ihren Körper so verführerisch wie möglich darzubieten. »Konserviert«, schnurrte sie. »Heißt das, als junger Mann konserviert oder als alter Mann, konserviert?«

  »Er ist noch sehr jung«, erwiderte Kane.

  »Haben die ausgestandenen Strapazen keine... nun ja, Defekte zurückgelassen?«

  »Es ist ein Glück für den Mann«, meinte Kane, »dass unsere Wissenschaft auf dem Gebiet des Kälteschlafs einen so hohen Stand erreicht hat.«

  »Ein Mann, der fünfhundert Jahre alt ist, ist mir noch nie begegnet.« Einen winzigen Augenblick lang versank Prinzessin Ardala in ihre eigenen Gedanken. Dann befahl sie: »Bereitet Sie ihn auf eine Audienz vor.«