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Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2021

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0189-2

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0241-7 (EPUB), 978-3-7495-0243-1 (PDF), 978-3-7495-0242-4 (EPUB für Kindle).

Übungsverzeichnis

I. Übungen zur Gesundheit
1. Achtsamkeit
2. Coaching
3. Dankbarkeit
4. Entspannung
5. Ernährung
6. Gelassenheit
7. Gesundheit
8. Glück
9. Hoffnung
10. Humor
11. Intuition
12. Meditation
13. Mitgefühl
14. Muße
15. Musik
16. Natur
17. Optimismus
18. Prävention
19. Regeneration
20. Resilienz
21. Schlaf
22. Sensibilität
23. Sport
24. Stille
25. Therapie
26. Träume
27. Trauer
28. Vergebung
29. Wohlbefinden
30. Zufriedenheit
II. Übungen zu Beziehungen
31. Altruismus
32. Bindung
33. Empathie
34. Feedback
35. Freundlichkeit
36. Freundschaft
37. Geborgenheit
38. Generosität
39. Güte
40. Kommunikation
41. Liebe
42. Mediation
43. Respekt
44. Selbstwert
45. Sexualität
46. Solidarität
47. Teamspirit
48. Toleranz
49. Vertrauen
50. Zivilcourage
III. Übungen zur Entwicklung
51. Askese
52. Autonomie
53. Charisma
54. Disziplin
55. Entwicklung
56. Flow
57. Führung
58. Intelligenz
59. Kreativität
60. Kunst
61. Lernen
62. Motivation
63. Mut
64. Offenheit
65. Persönlichkeit
66. Rhetorik
67. Selbstreflexion
68. Selbstwirksamkeit
69. Wachstum
70. Zukunftsfähigkeit
IV. Übungen zu Lebensfragen
71. Authentizität
72. Demut
73. Ehrfurcht
74. Enthusiasmus
75. Ethik
76. Geduld
77. Genügsamkeit
78. Gerechtigkeit
79. Gewissen
80. Heimat
81. Identität
82. Inspiration
83. Integrität
84. Lebenssinn
85. Leidenschaft
86. Mäßigung
87. Moral
88. Mündigkeit
89. Neugier
90. Religiosität
91. Schönheit
92. Seele
93. Sehnsucht
94. Spiritualität
95. Stärken
96. Tugend
97. Verantwortung
98. Werte
99. Weisheit
100. Zeitwohlstand

Einführung

„Denken müssen wir ja sowieso –
warum dann nicht gleich positiv?“

Einstein

Wer „Positive Psychologie“ googelt, kann heute (Stand 2020) auf etwa 44 Millionen Internet-Verweise kommen – mit einer sehr dynamisch steigenden Frequenz-Tendenz. Offenbar gibt es im 21. Jahrhundert eine starke Sehnsucht nach Positivität. Angesichts der Meldungen, die uns täglich über die Medien erreichen, mag das kein Wunder sein: Corona-Virus, Kriege, Mord, moralische Dekadenz, Klima-Katastrophe und so weiter.

Vieles scheint falsch zu laufen in dieser Welt, so dass sich die Frage stellt, ob es auch anders geht. Die relativ junge wissenschaftliche Disziplin der Positiven Psychologie verspricht hilfreiche Antworten. Positive Psychologie – was ist das und wer steckt dahinter? Hier einige Einblicke zur Geschichte, Gegenwart und potenziellen Zukunft.

1. Wurzeln der Positiven Psychologie

Fragen nach einem guten, gelingenden und glücklichen Leben haben die Menschen wahrscheinlich zu allen Zeiten beschäftigt – sie sind wohl so alt wie die Menschheit. Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit diesen Fragen gibt es in Religionen und in der Philosophie.

So stellen alle fünf großen Welt-Religionen die Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Ihre Antworten weisen zwar große Unterschiede, doch auch einige Gemeinsamkeiten auf (Sohr 2015). Besonders auffällig sind ethische Grundüberzeugungen, welche das menschliche Miteinander auszeichnen. So gibt es z. B. die berühmte „Goldene Regel“, die sich in dem Sprichwort „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ zusammenfassen lässt, in ähnlichen Versionen im Judentum, Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Islam.

Die philosophischen Vorläufer der Positiven Psychologie werden häufig in der Antike wahrgenommen, insbesondere in Griechenland. Viele Darstellungen heben Aristoteles hervor (z. B. Blickhan 2015). Aristoteles war ein Schüler von Platon, der wiederum ein Schüler von Sokrates war. Um die Potenziale einer Positiven Psychologie zu erkennen, empfiehlt sich ein kurzes Verweilen bei den Glücksvorstellungen antiker Philosophie, die uns als „Liebe zur Weisheit“ begegnet.

In der Antike dachten diverse philosophische Schulen über den Weg zum Glück nach, wie die Stoiker (Glück als Seelenruhe), Hedonisten (Glück durch Genussfähigkeit und Lust), Skeptiker (Glück durch Freiheit von Vorurteilen) und die Kyniker (Glück durch Unabhängigkeit und Bedürfnislosigkeit, nicht zu verwechseln mit der Gefühlslosigkeit moderner Zyniker) – vor allem aber die drei klassischen Philosophen.

Für Sokrates sind zwei zentrale Überzeugungen entscheidend: Die Suffizienzthese (Moralität als hinreichende Bedingung von Glück) und die Identitätsthese (Einheit von Moral und Glück). Mit anderen Worten: Sittliches Verhalten führt nicht nur zu einem erfüllten Leben – es ist erfülltes Leben und bedarf keinerlei Zusätze. In seiner Todesstunde sagte Sokrates: „Es ist besser, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun.“

Auch für Platon ergibt sich Glück ausschließlich aus der seelischen Verfassung. Wer sein Leben in Nachahmung der „göttlichen Idee des Guten“ gerecht führt, landet nach dem Tod auf der „Insel der Seligen“, wo er in vollkommener Glückseligkeit lebt.

Dagegen ist das Glücksmodell von Aristoteles antiplatonisch: „Wenn manche sagen, der Gefolterte oder der von Schicksalsschlägen Betroffene sei glücklich, wenn er nur gut sei, so behaupten sie mit oder ohne Absicht Unsinn.“ Zu Glücksbedingungen von Aristoteles gehören auch materielle und soziale Güter als Wohlfühl- und Werteglück.

Gemeinsam ist den Auffassungen, dass Glück eine Synthese aus Empfindungs- und Erfüllungsglück ist. Der Historiker Herodot weist darauf hin, dass sich die Erfüllung erst in der Todesstunde zeigt und dass Glück durch menschliche Hybris gefährdet ist.

Natürlich gibt es auch Philosophen der Moderne, die sich der Glücks- und Sinnfrage widmeten. Nach Whitehead (Kann 2001) sind sie aber nur „Fußnoten zu Platon“.

Bilanzierend ist festzuhalten, dass die Positive Psychologie ihren Namen zwar erst im 20. Jahrhundert bekam, geistige Wurzeln jedoch schon seit Jahrtausenden existieren, deren reichhaltige Vielfalt bisher noch wenig beachtet wird.

2. Vorgeschichte der Positiven Psychologie

Die Entwicklung der Positiven Psychologie wäre ohne die Geschichte der Psychologie nicht denkbar, schließlich ist die eine eine Reaktion auf die andere. Die Geschichte moderner Psychologie beginnt im 19. Jahrhundert und hat ihren Schwerpunkt im 20. Jahrhundert, als sich die großen drei Schulen (Psychoanalyse, Behaviorismus und Humanistische Psychologie) herausbildeten. Psychologie wird heutzutage definiert als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen mit dem Ziel der Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung, wobei die Grundlage nach wie vor das Verstehen bildet.

Wie für die Positive Psychologie im Besonderen gilt für die Psychologie allgemein, dass sie eine lange Tradition und eine eher kurze Geschichte hat. Historisch wurden die Wurzeln der „Lehre von der Seele“ bereits im antiken Mythos gelegt, wo Psyche als personifizierte Göttin die zarte Geliebte von Eros war. Seele heißt „Hauch“ oder Atem. Doch einhergehend mit dem Siegeszug der modernen Naturwissenschaften, welche die Natur nicht mehr als Subjekt, sondern als Objekt sehen, kam es auch zu einer „Psychologie ohne Seele“ (Jüttemann 2000). Ein Meilenstein war hierbei das erste psychologische Experimentallabor von Wilhelm Wundt anno 1879 in Leipzig.

Als „Geburtsstunde“ der Geschichte der Psychotherapie gilt 1900 die Publikation der „Traumdeutung“ durch Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, welche auf einem negativen Menschenbild fußt. Demnach ist der Mensch quasi von Natur aus vor allem triebgesteuert und destruktiv. Der Psychoanalytiker versucht, die Patienten über deren unbewusste Antriebe aufzuklären. Auch wenn Freuds Schüler wie Jung, Adler und andere die Psychoanalyse tendenziell weiterentwickelten, blieb das Menschenbild in seiner Pathologie bestehen und prägte die klinische Psychologie und Psychiatrie.

Auf die Psychoanalyse folgte als zweite bedeutsame Schule der Behaviorismus (Lehre vom Verhalten), der auf Tierexperimenten, wie etwa jenen von Pawlow mit Hunden und von Skinner mit Tauben, aufbaut und in der Verhaltenstherapie mündete. Als Begründer des Behaviorismus gilt der amerikanische Psychologe John Watson, der 1920 durch ein Experiment mit einem Baby berühmt wurde, dem er experimentell erzeugte Neurosen zufügte, um zu zeigen, dass jedes Verhalten erlernbar ist. Das traditionelle Menschenbild des Behaviorismus basiert auf der Hypothese, dass wir bei unserer Geburt ein „leeres Blatt“ (Tabularasa-Theorie) sind, das letztlich den Einflüssen seiner Umwelt ausgeliefert ist.

Im Gegensatz zu nachfolgenden psychologischen Verständnissen und therapeutischen Interventionen werden auch heute noch ausschließlich die auf diesen beiden Schulen basierenden Angebote der Psychotherapie (Tiefenpsychologie, d. h. Psychoanalyse, und Verhaltenstherapie) von den Krankenkassen finanziell unterstützt. Gibt es alternative Ansätze, um dem Menschen ganzheitlicher als mit dem beschriebenen Reduktionismus gerecht zu werden?

3. „Großeltern“ der Positiven Psychologie

Im Gründungsmanifest der Humanistischen Psychologie heißt es: „Wir Psychologen sind es leid, Psychologen zu sein, wenn Psychologie darin besteht, den Menschen als eine größere weiße Ratte oder einen langsameren Computer zu betrachten“ (Bugental 1967). Während dabei die Ratte als Anspielung auf den Behaviorismus dient, bezieht sich der Computer auf die Richtung des Kognitivismus der Psychologie, der im Zuge der sog. kognitiven Wende vor allem an Hochschulen in Europa seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts unter Abspaltung der emotionalen Seite zum Leitkonzept wurde.

Mit der Humanistischen Psychologie entstand Mitte des 20. Jahrhunderts in Amerika eine dritte „Kraft“ der Psychologie, die von einem positiveren Menschenbild ausging, nach dem homo sapiens ein konstruktiver Gestalter seiner Umwelt sei, der sich selbst verwirklichen möchte. „Großeltern“ der Positiven Psychologie sind vor allem Rogers und Maslow, aber auch Männer und Frauen wie Allport, Bühler, Frankl, Fromm, May, Perls sowie Satir, die ein positives Menschenbild verkörperten.

Carl Rogers (1902–1987) revolutionierte als Gründer klienten-zentrierter Gesprächspsychotherapie die Psychotherapie mit seiner Annahme, dass der Mensch von Natur aus gut sei und vor allem Hilfe zur Selbsthilfe in Form einer empathischen Grundhaltung seitens des Therapeuten brauche, um seine Persönlichkeit positiv entfalten zu können. Rogers begleitete seine Klienten auf dem Weg hin zu einer „fully functioning person“. Dabei war er auch vom dänischen Philosophen Kierkegaard inspiriert, der aufbauend auf dem Taoismus das Ziel der menschlichen Entwicklung mit dem Credo beschrieb: „Das Selbst zu sein, was man in Wahrheit ist“ (Rogers 1961).

Abraham Maslow (1908–1970) wurde bekannt durch seine motivationspsychologische Forschung zur Bedürfnispyramide. Zugleich war er einer der kreativsten Psychologen des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Rogers ist er der Gründervater Humanistischer Psychologie und kann gleichzeitig auch als Begründer der Positiven Psychologie angesehen werden. So trägt das letzte Kapitel seines Buches Motivation und Persönlichkeit den Titel „Towards a Positive Psychology“ (1954). Wo ist die Psychologie, fragte er, die der Liebe und dem Wohlergehen genauso so viel Bedeutung schenkt wie dem Unglück? Tatsächlich dachte Maslow schon in die Zukunft: „Ich sollte auch sagen, dass ich die Humanistische Psychologie, die Psychologie der dritten Kraft, nur als vorübergehend, als Vorbereitung auf eine noch höhere vierte Psychologie sehe, die transhuman ist und über Identität und Selbstverwirklichung hinausgeht“ (1966, 11). Folgerichtig ergänzte er am Lebensende seine Bedürfnispyramide um eine sechste Stufe der Transzendenz.

Zu den besonderen Merkmalen der Humanistischen Psychologie gehören ihre Sinn- und Wertorientierungen, die auch mit politischem Engagement einhergingen. Immer mehr Menschen beschäftigten sich angesichts der technischen Entfremdung, atomarer Bedrohung und wachsenden Umweltzerstörung mit Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Politisch inspiriert wurde die Humanistische Psychologie in den 1960er-Jahren durch die tragischen Ermordungen des jungen Präsidenten John F. Kennedy und des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther-King. So kämpften große Teile der jungen Generation als Hippiebewegung für eine andere Gesellschaft und beförderten dabei die Friedens-, Frauen- und Öko-Bewegung.

4. „Eltern“ der Positiven Psychologie

Was geschah im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zwischen der Blütezeit der Humanistischen Psychologie und den Anfängen einer Positiven Psychologie?

Politisch veränderte sich die Welt nicht so, wie es sich humanistische Psychologen vorstellten. Zwar gab es in den 1970er-Jahren mit der weltweiten Ölkrise, der Gründung von Umweltschutzorganisationen und grünen Parteien ein zunehmendes Bewusstsein der „Grenzen des Wachstums“ und in den 1980er-Jahren wachsenden Widerstand gegen die Atomkriegsbedrohungen und totalitäre Staaten, die u. a. zum Ende der Apartheid in Südafrika sowie zum Fall der Mauer in Deutschland führten, doch mit dem Beginn der Globalisierung in den 1990er-Jahren verschärften sich die Menschheitsprobleme. Ebenso offenbarte die beginnende Digitalisierung die Schatten des technischen „Fortschritts“ mit einer starken Zunahme von Phänomenen wie Stress, Burnout und Depressionen.

Psychologisch entwickelte sich die Humanistische Psychologie vor allem im Bereich der Therapie. An den Hochschulen konnte sie sich jedoch nicht etablieren. Vielmehr dominierte im Zuge der sog. kognitiven Wende das von humanistischen Psychologen kritisch beurteilte Menschenbild eines Computers mit der Abspaltung von Emotionen. Diese Tendenz verstärkte sich auch durch das Aufkommen der Neurowissenschaften. In der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts kamen zunehmend Widerstände gegen eine lebensferne Psychologie auf. Sie führten z. B. zur Gründung einer „Neuen Gesellschaft für Psychologie“, welche für eine größere Vielfalt der Methoden und Inhalte plädierte.

Die offizielle Geburtsstunde der Positiven Psychologie fand 1998 in Amerika statt, als Martin Seligman in seiner Antrittsrede als Präsident der amerikanischen Psychologen-Vereinigung (APA) für eine Neuausrichtung der Psychologie warb. Statt sich primär auf die Schattenseiten des menschlichen Seins zu konzentrieren, sollte sich Positive Psychologie auch mit den Potenzialen des Menschen beschäftigen. Animiert wurde Seligman durch seine kleine Tochter, die ihn beim „Unkrautjäten“ fragte, warum er immer so negativ sei. Seligman vollzog einen persönlichen Paradigmenwechsel und begann, über „erlernten Optimismus“ statt über „erlernte Hilflosigkeit“ zu forschen.

Als „spiritus rector“ wird Seligman zum „Vater“ der Positiven Psychologie ernannt, der viele Entwicklungen ins Rollen brachte, besonders die eines ersten Master-Studiums für Positive Psychologie ab 2005 an der Universität Pennsylvania, die als „Hauptstadt“ der Bewegung gilt. Heute gibt es entsprechende Angebote auch an anderen Hochschulen in Amerika, Australien und Europa, teilweise sogar in Asien.

Auch inhaltlich förderte Seligman maßgeblich die Entfaltung Positiver Psychologie. Bei seinen Forschungen über Optimismus (2001), Tugenden (2004) und Aufblühen (2012) erkannte er auch Synergien im Anwendungsfeld Coaching quasi als Therapie für Gesunde: „Das Coaching ist eine Praxis auf der Suche nach einer tragenden Säule, oder genauer gesagt, nach zwei tragenden Säulen – einerseits einer wissenschaftlich evidenzbasierten und andererseits einer theoretischen. Ich glaube, dass das neue Fach der Positiven Psychologie beide Säulen zur Verfügung stellen kann“ (Seligman 2007).

In seiner Generation fand Seligman auch einige „Brüder und Schwestern“ als wichtige Wegbereiter von Forschern, die sich Themen der Positiven Psychologie bereits im 20. Jahrhundert widmeten. Metaphorisch gesprochen als „Onkel und Tanten“ einer neuen Ausrichtung können in diesem Sinn auch Ellen Langer (Harvard / Cambridge), Edward Diener (Virginia), Charles Snyder (Kansas) und Mihaly Cziksentmihlayi (Kalifornien) genannt werden, die über Achtsamkeit, Wohlbefinden, Hoffnung und Flow forschten.

Auch in Deutschland gab es eine kleine „Eltern-Generation“ der Positiven Psychologie, wie die Publikationen von Brockert (2001), Auhagen (2004), Sohr und Rösler (2009) zeigen. Insbesondere Ann Auhagen kann hierzulande als eine „Mutter“ der Positiven Psychologie mit Themen wie z. B. Verantwortung und Freundschaft gesehen werden.

Die erste Dekade des 21. Jahrhunderts bezeichnet der aus China stammende Kanadier Paul Wong als „Positive Psychologie 1.0“, die von einer „Positiven Psychologie 2.0“ in der nächsten Dekade weiterentwickelt wurde – mit einer verstärkt ganzheitlicheren Ausrichtung und Etablierung in Wissenschaft und Praxis (Wong 2011).

5. „Kinder“ der Positiven Psychologie

Zu Weiterentwicklern der Positiven Psychologie als „Söhne und Töchter“ der neuen Generation mit dem Ausbau des Themenspektrums gehören u. a. Barbara Fredrickson (Carolina), Robert Biswas-Diener (Portland), Robert Emmons (Davis), Kristin Neff (Texas), Kim Cameron und der aus Chile stammende Marciel Losada (die beide in Michigan wirken) mit ihren Forschungsarbeiten über positive Emotionen, positives Coaching, Dankbarkeit, Selbstmitgefühl, Positive Leadership / Hochleistungsteams.

Demgegenüber fand die Positive Psychologie im deutschsprachigen Raum bis heute noch kaum Anschluss in Universitäten (Stand: Sommer 2020). Auf der akademischen Ebene gibt es lediglich maximal einjährige Zertifizierungsangebote an der Universität Zürich durch Willibald Ruch und an der Universität Trier durch Michaela Brohm-Bardy.

Dafür entfaltet sich die Positive Psychologie hierzulande zunehmend in der Praxis, vor allem in der Wirtschaft (z. B. Tomoff 2015 oder Rose 2019) und Erziehung, wo Burow (2011) eine „Positive Pädagogik“ postulierte und das Fach Glück an mittlerweile über 100 Schulen eingeführt wurde. Einen Schlüsselbeitrag zur Verbreitung der Positiven Psychologie in Deutschland leisten u. a. die Ausbildungsinstitute im Inntal (seit 2013) und in Berlin (seit 2014), unter Leitung von Daniela Blickhan und Judith Mangelsdorf, zugleich Vorsitzende im deutschsprachigen „Dachverband für Positive Psychologie“.

6. Kritik an der Positiven Psychologie

Gemäß dem kritischen Rationalismus entwickeln sich wissenschaftliche Erkenntnisse kontinuierlich weiter (Popper 1934). Wenn sich Disziplinen nach längeren Phasen der Kontinuität manchmal in historisch kurzer Zeit dynamisch in eine ganz neue Richtung verändern, spricht man von einem „Paradigmenwechsel“ (Kuhn 1962). Solche Wandel gehen in der Regel mit starken Widerständen der „alten“ Mitglieder wissenschaftlicher Disziplinen einher. Daher ist die teils heftige Kritik an der Positiven Psychologie nicht so verwunderlich.

„Schlechte Presse für Positive Psychologe“ titelt der Theologe Michael Utsch von der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Kritik kann unterschiedliches Niveau offenbaren. Kommentare von Kollegen wie „Ich habe zwar keine Ahnung von Positiver Psychologie, doch ich bin dagegen!“ lassen erahnen, dass ein Problem in der weit verbreiteten Ignoranz und Arroganz vorherrschender Wissenschaftsvertreter liegt.

Umso wichtiger scheint es, sich mit grundlegenden Kritiken auseinanderzusetzen, wie sie psychologisch (Mayring 2012), politologisch (Steinmeyer 2018) oder soziologisch (Canabis & Illouz 2019) artikuliert werden. Bilanzierend lassen sich alle Einwände in sieben Punkten zusammenfassen. Die Evaluation der Kritiken führt zu differenzierten Urteilen, flankiert von der Ablehnung des ersten Punktes und Zustimmung zum letzten Punkt.