Klaus Bittermann

Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol

Kreuzberger Szenen

FUEGO

Zahnschmerzen

Ich hole Nadja vom Flughafen Tegel ab. Sie kommt aus Wien und will sich ins Berliner Nachtleben stürzen. Sie sieht elend aus. Eigentlich so, wie man nach drei Tagen Durchfeiern aussieht. Nicht davor. Zahnschmerzattacken beuteln sie. Nadja gehört zu den Leuten, die Zahnärzte fürchten wie ein Bischof den Minirock und lieber auf eine Katastrophe zusteuern, statt regelmäßig zur Prophylaxe zu gehen. Prophylaxe sei was für »Vollkaskoheinis«, für »Jack-Wolfskin-Deppen«, für »spießige Quadratisch-Praktisch-Gut-Men­schen«, sagt sie. Jetzt sieht die Sache natürlich anders aus. Schmerztabletten helfen nicht mehr, also doch Arzt.

Doktor A. aus Aserbaidschan hat Sonntagsdienst. Er ist klein und rund und speckig, und das erste, wonach er fragt, ist die Praxisgebühr. Auf 50 Euro kann er nicht herausgeben. »Einen Augenblick«, murmelt er und macht sich mit dem Schein aus dem Staub. Einen Augenblick denke ich tatsächlich, er würde mit dem Geld verduften, aber das ist natürlich lächerlich.

Nach der Untersuchung wendet sich Dr. A. an mich: »Ist nicht schlimm.« Und anerkennend fügt er hinzu: »Sie haben Ihre Frau gut gepflegt.« Aber die Zähne, gebe ich zu bedenken. Bakterien, kein Thema, ein bisschen desinfizieren und schon würde es besser werden. Wird es aber nicht.

Am nächsten Tag bringe ich Nadja zum Arzt meines Vertrauens. Der sieht sich die Sache an, breitet die Arme aus und sagt, so groß ungefähr sei die Karies. Und was das denn für ein Arzt gewesen sei? Ein Tierarzt? Wir wollen das nicht kategorisch ausschließen. »Aber nett war er schon«, sagt Nadja. Immerhin hat er uns einen schönen Satz geschenkt, ein sprachliches Kleinod, das uns für immer bleiben wird, und das ist mit zehn Euro nicht überbezahlt. Und auch über die falsche Diagnose ist Nadja sehr froh. Womöglich hätte der »Tierarzt« sonst gebohrt. Ein kalter Schauer durchfährt sie.

In Ruhe Zeitung lesen

Die Sonne lockt. Also raus, in Ruhe Zeitung lesen im Café »Goldmarie«. Aber die sonnensüchtigen Kreuzberger haben bereits alles in Beschlag genommen. Nein, ein Stuhl ist noch nicht besetzt. Ich frage den Mann, ob der Platz noch frei sei. Ja, aber er sei Raucher, ob mich das störe. Nein, ich finde das sogar erfreulich. Ein Widerständler inmitten der rauchfreien Kiezzone.

Kaum habe ich mich gesetzt, quält ein Straßenmusikant ganz fürchterlich sein Instrument. Mein Tischnachbar faucht: »Hau ab. Das kannste in Istanbul machen. Nicht hier. Istanbul ist da drüben«, dabei zeigt er in eine Richtung, in der Istanbul bestimmt nicht liegt.

Er telefoniert: »Ja genau, und besorg Rotkäppchen. Halbtrocken. Ne, nicht trocken. Ja, für 3.99. Und ab die Lotti.« Er kichert ins Handy und ich bemerke, dass seine Aussprache einen gewissen Feuchtigkeitsgehalt aufweist. Noch versuche ich krampfhaft, mich in die Zeitung zu vertiefen, aber ich habe den Kampf bereits verloren, denn mein Gegenüber überrascht mich mit der Frage: »Sind Sie heterosexuell?« Ich sehe auf. Damit ist der Damm gebrochen. Sturzbachartig schlagen die Wellen über mir zusammen. Ich brauche gar nichts zu sagen, auch nicht, ob ich nun heterosexuell bin oder nicht. Obwohl ich das jetzt schon spannend gefunden hätte, jedenfalls, wenn ich er gewesen wäre.

»Hamse was gegen Schwuletten?«, fragt er. Ich sage nichts, ich bin ja nicht verrückt. Ich habe das Gefühl, dass alles, was ich sage, gegen mich verwendet wird. Außerdem will er sowieso nicht, dass ich rede. Und das ist wiederum eine meiner leichtesten Übungen. »Ich bin ne Schwulette. Der dicke Schlitten da gehört meinem Arzt. Auch schwul.« Er zeigt auf einen nagelneuen Mercedes. »Bei dem war ich grad. Ein Arschloch. Hab ihm mal das Leben gerettet. Glauben Se nicht? Is aber so. Wollte mir 40.000 Euro geben, aber ich hab ihm gesagt, steck dir dein Scheißgeld in den Arsch.« Er kichert. »Nützt ihm sowieso nichts. Der machts nämlich nicht mehr lang. Krebs. Ich arbeite ja ehrenamtlich im Krankenhaus. Was ich da jeden Tag für ein Elend sehe!« Er nimmt die Sonnenbrille ab und Rotz und Wasser laufen ihm übers Gesicht. »Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Grauenhaft.« Ich nutze einen Moment der Unachtsamkeit und mache mich davon. Er hat seinen doppelten Absolut verschüttet und sieht nach der Kellnerin, um ihr zu sagen, ein Windstoß hätte das Schnapsglas umgekippt.

»Warten Sie, Sie müssen mein Zeuge sein«, ruft er mir hinterher.

Essen in Kreuzberg

In der Dieffenbachstraße hat ein neues Thailändisches Restaurant aufgemacht. Nadja und ich setzen uns an ein Tischchen. Direkt daneben hat jemand etwas zur Verschönerung der Umwelt beigetragen und ein kleines, von einem Maschendrahtzaun geschütztes Einquadratmeterbiotop angelegt mit einer alten Baumwurzel, Blumen, Unkraut und nach Gartenerde müffelnder Gartenerde.

Hinter uns brüllt eine blonde Powerfrau ins Handy: »Menne, ick bin hier beim Thai, wa.« Alle drehen sich um. Aha, diese Frau, illuminiert von einer neongrünen Trainingsjacke, ist also hier beim Thai. Schön ist das nicht. Sie turnschuht zwischen den Tischen und krakeelt munter weiter. »Komm in die Hufe, Alter. Ick warte dann mal auf dir.«

Ein alter Mann schlurft in Superzeitlupe an einem Krückstock an den Tischen entlang, hält die Hand auf und hustet einen schlimmen Raucherhusten, dem man den grünen Kern anhört, der zwischen dem angesammelten Schleim wabert und nach außen drängt. Ein Motz-Verkäufer wünscht uns »noch einen schönen Abend«, der das aber nicht zu werden verspricht, denn von der anderen Seite bahnt sich unüberhörbar der gefürchtete Chapati-Mann seinen Weg. »Dabadadam« schreit er aus vollem Hals und wie von Sinnen und hält uns das indische, streng riechende Knäckebrot unter die Nase. Das »Dabadadi, dabadadam« hallt noch lange in meinen strapazierten Ohren nach.

»Jetzt fehlt nur noch der Kerzenverkäufer«, sagt Nadja, und schon kommt er angeradelt. In zehn Meter Entfernung schließt er sein Fahrrad ab, kommt bis auf fünf Meter an die Tische, als hätte er Angst, gebissen zu werden, schwenkt eine Kerze groß wie ein Polizeischlagstock, krächzt wie von einem Stimmbruch geplagt kaum hörbar ein weder als Frage noch als Aufforderung zu verstehendes »Kerze kaufen« und dreht auf der Stelle wieder ab, bevor jemand auf die absurde Idee kommt, tatsächlich eine »Kerze kaufen« zu wollen, geht zurück zu seinem Fahrrad, das er wieder aufschließt, um weiterzufahren.

»Ist schon ein bisschen gruselig, oder?«, sagt Nadja. »From Dusk Till Dawn in Kreuzberg«, sage ich. Dann zahlen wir.

Opfer der Gentrifizierung

Er sitzt auf einem der Betonklötze, mit denen die Stadt die Admiralbrücke verschönert hat und die seit einiger Zeit von jugendlichen Rucksacktouristen­schwärmen belagert werden. Seine grauen Haare, der Schnau­zer und seine akkurate, von Rentnern bevorzugte, in Beige-Tönen gehaltene C&A-Kleidung macht ihn auf dieser Brücke der schnatternden U-18-Jährigen suspekt.

Ich denke: Wenn sich solche Leute unter das Jungvolk mischen, ist das der Anfang vom Ende für das neue KOZ, wie das Kommunikationszentrum in den Kleinstädten in einer Mischung aus Frustration und Überdruss genannt wird, hier aber als spontaner Treffpunkt schon Fernsehen und Zeitungen beschäftigt hat und die Anwohner ebenso nervt wie den türkischen Billigbierverkäufer an der Ecke frohlocken lässt, denn er macht den Umsatz seines Lebens.

Der Mann in Beige sitzt einfach nur da und raucht. Und wenn er eine Zigarette ausgetreten hat, steckt er sich eine neue an. Das hat etwas Systematisches und Verlässliches an sich. Unter seinen Füßen hat sich eine beachtliche Sammlung von platten Stummeln angehäuft. »Überall nur Latte macchia­to. Was soll der Scheiß?«, hustet er kurzatmig.

Wie sich herausstellt, ist er ein Opfer der Gentrifizierung des Viertels. Als er vor dreißig Jahren nach der Arbeit mit gesteiftem Hemdkragen und einem Blazer aus dem Haus trat, konnte er einfach eine Kneipe ansteuern, um am Tresen kurz einen zu zwitschern. Und dann noch einen, und noch einen, bevor er leicht derangiert nach Hause wankte. Und heute? »Nur noch dieses Milchkaffeezeugs. Sieben verschiedene Sorten. Und Kuchenzeugs. Wer braucht das eigentlich? Reingehen und ein Bierchen zischen ist nicht mehr. Gibt hier einfach keine anständige Kneipe mehr.«

Ein Verlierer in der neuen schönen Welt auf der Admiralbrücke, ein Relikt, das der guten alten »Sorgenpause« nachtrauert. »Aber da ist ja jetzt ein Italiener drin«, sagt er verächtlich und zieht an einem weiteren kleinen Sargnagel.

Echte Balliner

»Ick hau dir in die Fresse, du dumme Fotze!«, dringt ein martialisches Brüllen in mein Schlafzimmer und weckt mich. Es dauert etwas, bis mein schlaftrunkenes Hirn sich langsam zu fragen beginnt, wer verdammt nochmal schon am frühen Morgen solche hier im Viertel doch eher selten zu hörenden, politisch unkorrekten Worte ausstößt. Es ist gerade mal zehn Uhr, und bis ich mich aus dem Bett gequält habe und zum Fenster gewankt bin, ist niemand mehr zu sehen. Die Straße liegt friedlich da, aber der Schein trügt, denn ich habe mich nicht verhört.

Gut, ich habe da so einen Verdacht. Im Nebenhaus wohnt nämlich Hartz IV. Er ist schon lange arbeitslos. Manchmal meldet es sich noch zu Wort. Dann aber eher unqualifiziert. Vor allem, wenn es sich mit seinem Hund unterhält. Es ist stark tätowiert, trägt einen Cowboyhut und Brille. Und es ist ein echter »Balliner«. Die sind hier im Viertel eher selten, aber wenn man welche sehen will, bietet das Prinzenbad eine gute Gelegenheit, und irgendwie ist es auch der richtige Ort, denn man muss vier Euro Eintritt zahlen, um sie besichtigen zu können. Ins Wasser gehen sie nie, jedenfalls habe ich sie dort noch nie gesichtet. Eines der seltenen Exemplare dieser Spezies hat einen hervorragend geformten Eierkopf, trägt Glatze, einen Schnurrbart, reichlich Tattoos – Adler, Drachen, Schlangen und so Zeug –, und aus der knappen Badehose ragen etwas zu dünn geratene Beinchen. Wie bei den anderen weist sein Körper eine tiefe Bräunung auf. Um den Hälsen hängen fette, glänzende Goldketten. Die kleine Gruppe sitzt immer auf der Terrasse und aalt und ölt sich. Und als ich an ihnen vorbei schlendere, sagt einer gerade: »Mann, wie die Zeit rast, wa?«

Auch eine üppige blonde Frau ist dabei. Früher waren es zwei. Eine fehlt. Sie war noch dunkler als die anderen, fast so dunkel wie eine Kastanie, und dann auch fast so schrumplig.

Goldkettchenjungs

Zwei Schwangere liegen in den Liegestühlen der »Goldmarie« und klagen sich ihr Leid. Die eine mosert: »Jeder starrt mir auf den Bauch, als ob er noch nie ne Schwangere gesehen hätte, dabei gibt es die hier doch im Dutzend.« Nur Berlin Mitte soll eine höhere Schwangerendichte haben. Hier rollen sie im Minutentakt an einem vorüber. »Und anfassen will auch jeder«, sagt die andere. »Das geht mir vielleicht auf die Eierstöcke.«

Puuuh, denke ich eingeschüchtert. Sonst denke ich lieber nichts. Ist vielleicht besser so. »Wenigstens schützt ein Bauch vor rassistischen Übergriffen«, sagt die eine wieder. »Hä?«, macht die andere. Drei gut durchtrainierte türkische Goldkettchenjungs aus der U18-Liga wären ihr über den Weg gelaufen, die nur auf ein Zwinkern lauerten, um ihr zu erklären, was Sache ist: »Was guckst du? Willste auf Fresse? Ich mach dich Urban, ey!« Aber dann hätten sie den Bauch bemerkt. Sofort wurden sie sanft und boten ihr sogar einen kleinen Welpen zum Kauf an, der um sie herumsprang. »Für 300 kannst du haben. Kann dein Kind mit spielen.« Auf dem Weg nach Hause beobachte ich, wie drei 16-jährige Kids mit unklarem migrantischen Hintergrund einer Frau hinterher pfeifen und ein paar testosterongesteuerte Anzüglichkeiten giggern. Die Frau dreht sich um. Sie ist hochschwanger, ihre Augen funkeln. »Oh, tut uns leid. Ham wir nicht gesehen. Viel Glück noch«, schnattern sie ehrlich erschrocken über ihren Fauxpas und verdrücken sich schnell. Aber nicht schnell genug, denn ich bin wie ein Schatten hinter ihnen und kriege noch mit: »Geiler Arsch, echt ey.« Aber sie haben den nächsten schon im Visier. Diesmal den von einer garantiert Nichtschwangeren. Das Spiel beginnt von neuem.

Zu Hause ruft mich Horst Tomayer an: »Sach-ma, mein Herzallerliebster, bist du libidinös zufrieden? Alles im grünen Bereich?«

Anraunzerei

»Hey, es ist nicht statthaft, hier ein Eis zu essen«, blökt uns eine ältere Frau mit einer Aldi-Plas­tiktüte vor der Eisdiele an, vor der es vor Eisschleckern nur so wimmelt und vor der auch spät abends noch Leute Schlange stehen. Die Frau hat offensichtlich nicht mehr alle Schweine im Rennen. Aber dieses »Es ist nicht statthaft« gefällt mir. Es passt so gar nicht in das Gezeter, das ihr pausenlos aus dem Mund quillt. Es deutet vielmehr auf intensiven Kontakt mit Behörden hin und hat sich wahrscheinlich auf diese Weise in ihren aktiven Wortschatz geschlichen.

Niemand kümmert sich um sie oder reagiert auf sie. Jeder geht ihr aus dem Weg, und jeder ist ein potentielles Opfer ihrer Anraunzerei. Einen Mangel an Opfern gibt es nicht, denn wir befinden uns auf der Admiralbrücke, auf der wie an jedem warmen Sommerabend eine Art Powwow stattfindet, ein Gelage mit jungen Rucksacktouristen aus verschiedenen Ländern, die alle auf die gleiche tolle Idee gekommen sind und eine Gitarre mitgebracht haben. Gegenüber der Dänin, die leicht entrückt an den Saiten ihrer Harfe herumzupft, sehen sie aber mit ihrer Gitarre echt alt aus. Leere Bierflaschen klirren übers Pflaster. Und über allem liegt the wall of Schnattersound, ab und zu durchbrochen vom lauten Gelächter einer türkischen Männergruppe. Die meisten verstehen die keifende Frau mit den wirren Haaren gar nicht, wenn sie durch die auf dem Pflaster sitzenden Hippies hindurchschlurft und sie anfaucht, was alles »nicht statthaft« ist, und es ist so ziemlich alles »nicht statthaft«.

Ich glaube, sie ist eine ehemalige Anwohnerin, die die penetrante Lärmsoße nicht mehr ausgehalten hat und ein Opfer der nervlichen Belas­tung wurde. Nun schleicht sie jeden Abend herum und führt ihr letztes Gefecht gegen die feindliche Invasion aus dem Ausland, das sie aber schon lange verloren hat.

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Mikroökonomie

»Pfoten weg, du alte Schachtel«, scheucht der Mann mit dem schwarzen und nach hinten gegelten Haar die »alte Schachtel« weg, die die neben ihm akkurat aufgereihten leeren Bierflaschen einsammeln will, denn das ist sein Leergut, das ist das Geld für sein nächstes Pils. »Was du wollen mit die ganze Flasche leer? Du besser arbeiten«, gibt es ihm die »alte Schachtel« zurück, während der Mann mit orientalisch gemusterten Hosen, deren Schritt irgendwie kurdisch in der Kniekehle hängt, versucht, ihr auf den Hintern zu klopfen. Aber da er im Schneidersitz auf dem Boden hockt, ist er nicht beweglich genug. »Haust du endlich ab, du Blindschleiche«, legt er nach, weil die »Blindschleiche« weiterhin so tut, als wolle sie ihm die Flaschen vor der Nase wegschnappen. Sie kabbeln sich auf freundschaftliche Weise.

Aber es gibt auch den grantigen alten Muffel, der mit einer großen Ikea-Einkaufstüte unterwegs ist und dabei ahnungslose, über die Revierkämpfe nicht informierte neue Sammler angiftet. Sechs ältere, weißhaarige Frauen zähle ich, die über die Brücke streifen, seitdem sie zum Treffpunkt junger Touris geworden ist, für die es das Größte ist, ganze Nächte damit zuzubringen, auf dem Bordstein oder am Brückengelände zu sitzen und zu trinken.

Sie haben eine Art Mikroökonomie ins Leben gerufen, oder vielleicht besser Elendsökonomie. Zu den Flaschensammlern hat sich auch eine Cocktailmixerin gesellt. Sie hat eine kleine Kühlbox dabei und ein wackliges Beistelltischchen, ist mit Minze, Zitrone und crushed ice rudimentär mit Beilagen ausgestattet, und schüttelt in Plas­tikbechern etwas zurecht, das Mojito sein soll. Ich probiere es lieber nicht. So risikofreudig bin ich auch wieder nicht.

Fünfzig Meter weiter in der Admiralstraße brennt ein Auto. Eine Art neuer Freizeitgestaltung Berliner Jugendlicher, die mit dem Herumlungern auf der Brücke nicht so richtig ausgelas­tet sind. Polizei rennt über die Brücke zum Tatort, Feuerwehr lalüt um die Kurve.

Die Frau rührt ungerührt zwei Flüssigkeiten zusammen und bewegt ganz professionell zwei ineinandergesteckte Plastikbecher rhythmisch über der Schulter. Leider setzt sich ihre Geschäftsidee nicht durch, denn die jugendlichen Herumlungerer bleiben beim Billigbier. Autos aber werden weiterhin abgefackelt.

Terrorismus

Der Reporter der heute-Nachrichten berichtet live aus Mallorca über den Anschlag der ETA, bei dem zwei Polizisten in die Luft gesprengt wurden. Die Kamera zoomt auf ein paar schaulustige Touristen mit Schlabbershorts, die breitbeinig herumstehen und glotzen. Man sieht sie von hinten, und ich frage mich, ob der Kameramann mit dieser Einstellung womöglich ein bisschen Sabotage betreibt. Und auch der Reporter scheint etwas verwirrt: »Eine deutsche ... äh, deutliche Absage an den Terrorismus.«

Ich denke, mal gucken, wie es in Berlin mit der deutschen ... äh, deutlichen Absage an den Terrorismus aussieht. Nadja und ich fahren mit dem Auto zum Spandauer Damm, wo die Hells Angels wohnen. Seit ein Anführer ein Messer in den Rücken bekommen hat und einem anderen fast ein Bein abgehackt wurde, sind die Hells Angels wieder zum Staatsfeind Nr. 1 aufgestiegen.

Vor dem Charlottenburger Schloss großer Empfang. Die Straße wird einspurig. Das Empfangskomitee trägt MP, guckt irgendwie gelangweilt, ist olivgrün und für die hochsommerlichen Temperaturen viel zu warm gekleidet. Autofahrer mit Glatze oder sonstwie gefährlich aussehend werden herausgewunken und erschossen. Obwohl ich meine gefährlich aussehende Sonnenbrille aufhabe, darf ich weiterfahren. 200 Meter weiter wieder Kontrolle mit Nagelbett, das aber nur ausgerollt wird für den Fall, dass jemand ausbüchsen will. Einen Hells Angel kann ich nicht entde­cken, und das liegt nicht an meiner Sonnenbrille, wie mir Nadja bestätigt.

Wir fahren zurück nach Kreuzberg. Da ist mehr los. Auf der Admiralbrücke schreit ein Admiralbrückendjango »Ich fick deine Mutter!« und tritt einen harmlosen Hippie, der sich aufs Pflaster langgelegt hat. Ein paar Leute zerren ihn weg. »Den sollte man nach Mallorca abschieben«, schlage ich vor. Nadja hat eine bessere Idee: »Zwei Hells Angels engagieren. Einfach nur zum Rumlungern und zum Einschüchtern.«

Klaus Bittermann hat ein Faible für Randfiguren. Sehr trocken und mit Witz beschreibt er kleine Alltagsszenarien aus seinem Viertel, in dem Touristen, Vandalen, Zopfträger, Alteingesessene, Eigenbrötler, Backfische, Rucksack- und Fahrradhelmträger wild durcheinanderlaufen, und das auch noch völlig ohne Plan.