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Ulrike Schweikert

Oscuri

Die Erben der Nacht

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Originalausgabe November 2013

© 2013 cbt-Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Lektorat: Carola Henke

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

unter Verwendung einer Illustration von Paolo Barbieri

KK • Herstellung: kw

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-13264-4
V003


www.cbt-jugendbuch.de

Karte von Venedig

PROLOG

»Ich sage Ihnen, Conte, heute ist mein Tag. Die Sterne stehen günstig. Heute Nacht muss ich mein Glück versuchen!«

Die Stimme des jungen Mannes hallte durch die enge Gasse und schwang sich in die Höhe, bis zu den hölzernen Altanen, den balkonartigen, kleinen Dachterrassen, die so viele Dächer der bis zu vier Stockwerke in die Höhe ragenden Palazzi krönten.

»Wenn Sie meinen«, antwortete ihm ein deutlich älterer Mann. »Dann sollte ich mich heute wohl lieber von Ihrem Tisch fernhalten?«, fügte er ein wenig belustigt hinzu.

»Wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Geld in meine Taschen wandert, dann wäre das eine kluge Entscheidung, denn ich werde gewinnen«, gab der junge Mann überschwänglich zurück.

»Wenn Sie es sagen, Cavaliere«, brummte der Conte und schien noch immer belustigt. »Dann gebe ich heute eben dem Roulette eine Chance.«

Die beiden Männer strebten auf eine Tür zu, die genauso unauffällig war wie die Fassade des schmalen Hauses, das sich an die Rückwand des ehemaligen Palazzo Dandolo lehnte. Genauer gesagt einen der vielen ehemaligen Palazzi der einst so mächtigen venezianischen Adelsfamilie, aus deren Geblüt vor fünfhundert Jahren so mancher Doge der Republik hervorgegangen war. Heute lebten die letzten Nachfahren ein eher stilles und bescheidenes Leben. Die Palazzi waren längst verkauft und zwei davon in Hotels für wohlhabende Reisende umgewandelt. An der Riva degli Schiavoni empfing das berühmte Danieli in einem der Palazzi aus den Glanzzeiten der Familie seine Gäste. Hier im Westen des Dogenpalasts, im Pfarrsprengel von San Moisè, blickte ein weiterer ehemaliger Palazzo der Familie auf das Bacino di San Marco und die Kuppel von Santa Maria della Salute am Ausgang des Canal Grande.

Die beiden Männer hatten jedoch keinen Blick für die schöne Aussicht in dieser klaren Nacht. Sie kamen aus einem ganz anderen Grund. Schon zu Zeiten, da noch ein Spross der Familie Dandolo den Palast zum Canal hin bewohnt hatte, hatte dieser schlichte Anbau ein Casino im Ridotto des Obergeschosses beherbergt. Ridotti waren im vergangenen Jahrhundert in Mode gekommen, damals hatte man allein im Pfarrsprengel von San Moisè über siebzig solch kleiner, privater Casini gezählt. Heute waren viele Spielhöllen von Venedig nach Razzien der Polizei geschlossen, doch das Ridotto hinter dem Palazzo Dandolo lebte dank der Freundschaft des Polizeipräsidenten zur Familie Dandolo weiter und erfreute sich bei Einheimischen als auch bei betuchten Reisenden nach wie vor großer Beliebtheit.

Conte Contarini klopfte in einem einprägsamen Rhythmus gegen die Tür, die sogleich geöffnet wurde. Ein Diener in Livree verbeugte sich tief und begrüßte die beiden Herren mit Namen. Er bot an, ihnen ihre Hüte und die weiten, dunklen Umhänge abzunehmen. Er streckte auch die Hand nach dem Spazierstock des Conte aus, einem ungewöhnlich dicken Stock mit silbernem Knauf, doch der Conte winkte ab.

Dann schloss sich die Tür, der Lichtschein verlosch und in der Gasse herrschte wieder nächtliche Ruhe. Nur das leise Plätschern der Wellen, die an den Kanalmauern leckten, wogte wie ein magisches Flüstern durch die Stadt.

Ein Schemen erhob sich auf dem Dach des benachbarten Palazzo Giustinian, in dem vor ein paar Jahren das Hotel Europa aufgemacht hatte. Lautlos bewegte sich die Gestalt vorwärts, bis sie den Rand des Daches erreichte, von dem aus man in die Calle Ridotto hinuntersehen konnte.

»Nun, wie sieht es aus?«

Es war nur ein Flüstern, ein Hauchen, wie das Seufzen des Windes, der über die Dächer strich.

Eine zweite Gestalt, die bis dahin reglos auf dem Dach verharrt hatte, löste sich aus der Schwärze der Nacht. Ein scharfes Auge hätte vielleicht eine kleine, schlanke Gestalt erahnt. Der Nachtwind fuhr durch üppige Locken. Das Gesicht war schmal, doch die Züge blieben hinter einer Maske verborgen, die schwarz war wie das lange Haar.

»Es sind alle gekommen«, hauchte der Wind zurück. »Wie du gesagt hast. Die letzten haben eben erst das Haus betreten. Wollen wir?«

Noch ehe die Worte verwehten, schlugen die bronzenen Giganten auf dem Uhrenturm an der Piazza gegen die Glocke.

»Zwei Uhr«, wisperte die Stimme. »Ja, gehen wir es an. Nun ist es Zeit, dass wir uns ein wenig im Casino amüsieren.«

Die andere Stimme lachte leise. Dann verstummte sie. Für einen Moment konnte man vielleicht noch zwei Gestalten an der Südseite des Daches erahnen, dann schob sich eine Wolke vor den Mond. Als sie nur Augenblicke später die bleiche Sichel wieder freigab, waren die beiden Schemen verschwunden. Das Dach lag still und verlassen da. Nur eine kleine Staubwolke wie ein Schauer von Ruß hing in der Luft und senkte sich lautlos auf die einst roten Dachziegel herab, die im Laufe der Jahrhunderte dunkel und fleckig geworden waren.

***

Der riesige Lüster aus Muranoglas erhellte den grün bespannten Roulettetisch mit den bunten Jetons-Stapeln. Ein Dutzend Damen und Herren hatten sich um den Tisch versammelt und folgten dem Lauf der Kugel über das schimmernde Holz. »Rien ne va plus«, schnarrte der Croupier, ehe die Kugel den letzten Rest ihres Schwungs verlor. Es klackte zweimal, dann rief er: »Quinze – Quindici«.

Eine junge Frau, die zwei Chips auf die schwarze Fünfzehn gesetzt hatte, jubelte und ließ sich vom Croupier ihre gewonnenen Jetons herüberschieben. Großzügig warf sie ihm drei der bunten Plättchen zu. Er neigte dankend den Kopf. Auch Conte Contarini hatte mit einer Sechserkombination gewonnen, wenn auch nicht so viel. Er schob die Jetons in seine Fracktasche, erhob sich und schlenderte zum Nebentisch, an dem Baccara gespielt wurde.

»Nun, Cavaliere, wie läuft Ihre Glücksnacht?«, erkundigte er sich, obgleich die beiden Falten auf der Stirn des jungen Mannes eigentlich für sich sprachen. Der Cavaliere griff nach seinem Glas und stürzte die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem Zug herunter, eher er die beiden Karten aufnahm, die eben ausgeteilt wurden. Der Mann rechts neben ihm war für diese Runde der Banquier, gegen den die anderen Mitspieler ihre Einsätze wetteten.

Der junge Mann presste die Lippen zusammen. »Carte, s’il vous plaît«, bat er und nahm die dritte Karte entgegen, doch auch diese konnte seine Miene nicht aufheitern. Die Spielerin neben ihm hatte neun Punkte und gewann. Er setzte erneut und verlor auch dieses Mal. Nun gegen den Banquier.

»Vielleicht sollte ich es doch lieber wieder mit Pharo versuchen?«, stöhnte der Cavaliere, als er seine Jetons verschwinden sah. Er legte einen neuen Einsatz auf den Tisch. »Aber es kann nicht mehr lange dauern«, versicherte er. »Ich spüre es. Das Blatt wird sich wenden. Heute ist meine Glücksnacht.«

Der Conte nickte ohne Überzeugung. Diese Worte hatte er schon zu oft vernommen. Er überlegte gerade, ob er darauf überhaupt etwas erwidern sollte, als plötzlich das Licht der Leuchter zu flackern begann. Ein eisiger Luftschwall wogte durch die Räume des Casinos. Dann wurde es dunkel. Sämtliche Kerzen der Leuchter erloschen im selben Augenblick und auch die Gaslampen draußen auf dem Korridor gingen aus. Eine Frau schrie auf. Der Conte vernahm rasche Schritte, dann bat eine Männerstimme die Gäste, Ruhe zu bewahren. Man werde sich sofort um Licht bemühen. Es handle sich nur um eine kleine Unannehmlichkeit, die sofort behoben sein würde. Doch der Conte ahnte, dass mehr dahintersteckte als nur eine Böe, die durch ein unachtsam geöffnetes Fenster eingedrungen war. Er schob die Hand in seine Hosentasche und umfasste den Elfenbeingriff einer zierlichen Pistole.

Da legten sich plötzlich Finger um sein Handgelenk, und ein Flüstern erklang in seinem Ohr: »Das würde ich lieber bleiben lassen, Conte. Und lassen Sie auch Ihren verborgenen Degen im Spazierstock stecken. Wir wollen doch nicht, dass heute Nacht jemand verletzt wird. Das ist es nicht wert.«

Conte Contarini hielt inne und ließ es zu, dass die Hand in seine Tasche fuhr und die Pistole herauszog. Mit ihr verschwanden auch seine Taschenuhr, sein Siegelring und seine Börse. Man ließ ihm nichts außer den Jetons, die er beim Roulette gewonnen hatte. Doch es störte ihn nicht sonderlich. Er fühlte ein Kitzeln in der Nase, das ihn zum Niesen reizte. Eine unerklärliche Müdigkeit überfiel ihn und alles erschien ihm plötzlich vollkommen unwichtig. Der Conte ließ sich auf einen Stuhl sinken. Die Geräusche um ihn herum drangen wie durch zähen Nebel an sein Ohr. Leichte, flinke Schritte, ein Murmeln und Rauschen, eine Dame schluchzte leise, und doch herrschte eine friedliche Stimmung, die sich wie ein wärmendes Tuch über alle gelegt hatte. Der Conte spürte, wie sich jemand aus dem Raum zurückzog. Ein Fenster klapperte, ein letzter Windhauch huschte durch die Räume. Dann war es still. Erstaunlich still für einen Raum, in dem sich so viele Menschen aufhielten. Zögernd begannen die Gasleuchten im Flur zu flackern. Dann eilten zwei Männer in Livree herein, um die Kerzen in den Leuchtern wieder zu entzünden. Während es allmählich heller wurde, sah der Conte, die Menschen ihre Glieder recken oder sich schütteln, wie um einen Rest von Schlaf zu vertreiben. Die Damen tasteten nach ihren Ketten und Armbändern, die nicht mehr da waren, wo sie hätten sein sollen, und die Männer nach ihren ebenfalls verschwundenen Geldbörsen. Manche trugen es mit Fassung, andere begannen zu jammern oder zu fluchen. Die Croupiers am Roulettetisch starrten stumm in die leeren Kassenschubladen. Endlich räusperte sich einer von ihnen und teilte den Besuchern mit, dass das Spiel heute Nacht leider nicht fortgeführt werden könne. Er bat um Entschuldigung und schickte die Diener nach den Umhängen der Besucher. Diese erhoben sich und gingen mit seltsam schwankenden Schritten zur Tür.

»Und wir können nicht einmal woanders weiterspielen. Ich habe nicht eine Lira mehr, die ich setzen könnte«, seufzte der junge Mann, der sich wieder an der Seite des Conte einfand. »Schade. Die Sterne standen wohl doch nicht so gut«, fügte er mit einem schwachen Grinsen hinzu.

***

Ein Schemen huschte durch die Nacht. Lautlos eilten die Füße über die schräg abfallenden Ziegeldächer, ohne auch nur einmal den Halt zu verlieren. An einem der hölzernen Altane hielt der Schemen inne. Augen blitzten unter der weiten Kapuze und schweiften über die umliegenden Dächer und dann hinunter in den Kanal, der den Palazzo von der nächsten Häuserzeile trennte. Die Gestalt beugte sich ein wenig nach vorn. Es war niemand zu sehen. Schwarz und still stand das Wasser unter ihr. Nur ab und zu stieg das leise Geräusch der Wellen aus dem Kanal auf, das überall in Venedig zu hören war, sobald die Stimmen der Menschen und der Lärm ihrer Arbeit verstummt waren. Die Gestalt schlug ihren Umhang auseinander und öffnete die Schnüre, die den ebenfalls samtschwarzen Beutel zusammenhielten. Das Licht der Mondsichel fing sich in wertvollem Geschmeide und ließ geschliffene Edelsteine aufblitzen. Ein Lächeln umspielte die sinnlichen Lippen im Schatten der Kapuze. Dann teilten sie sich und entblößten weiße, regelmäßige Zähne. Schlanke Finger zogen den Beutel wieder zu und verstauten ihn sicher. Noch einmal sah die Gestalt zum Wasser vier Stockwerke unter ihr herab, dann kletterte sie behände über die hölzerne Brüstung und rannte, ohne zu zögern, auf die Dachkante zu. Sie stieß sich kraftvoll ab, breitete ihren Umhang aus und landete einen Wimpernschlag später sicher auf dem Dach gegenüber. Ohne innezuhalten, setzte sie ihren Lauf über die nächtlichen Dächer von Venedig fort und war schon bald in der Finsternis verschwunden.

NACHFORSCHUNGEN

»Tragen wir noch einmal zusammen, was wir über Clarissas Entführer und ihre außergewöhnlichen Eigenschaften wissen«, schlug Hindrik vor.

Sie saßen auf den Särgen und lang gestreckten Kisten, die der Servient besorgt hatte, während draußen dicke Regenwolken über den Himmel zogen. Zuerst hatte es nur ganz sacht genieselt, doch nun prasselte der Regen auf das Dach herab, dass sie ihre Stimmen heben mussten, um einander zu verstehen. Nacheinander zählten Alisa, Leo und Luciano auf, was sie wussten und welche Erfahrungen sie mit den seltsam Vermummten gemacht hatten, die vielleicht Menschen waren, vielleicht aber auch nicht.

»Und was haben die Gondolieri, die ihr beobachtet habt, in den Palazzo gebracht?«, wollte Anna Christina wissen. Sie richtete ihren Blick auf Luciano, den das sichtlich nervös machte.

»Ich weiß es nicht«, musste er zugeben.

»Sagtest du nicht, du wärst in den Palazzo gegangen, nachdem die Männer wieder verschwunden waren? Leo hat uns berichtet, sie hätten mehrere Gegenstände durch das Wassertor hereingetragen.«

Luciano wand sich. »Ja, das hat er mir gesagt, aber ich konnte nichts finden. Weder ihre Spuren noch die Sachen, die sie in den Palazzo gebracht haben.« Er hob entschuldigend die Arme. »Ich habe wirklich überall nachgesehen.«

Anna Christina machte sich gar nicht erst die Mühe, ihre Skepsis zu verbergen. »Vielleicht sollte ich die Sache selbst in Augenschein nehmen.«

Alisa spürte, wie der Zorn in Luciano aufstieg, doch unter Anna Christinas eisigem Blick traute er sich nicht, ihm Luft zu machen.

»Wir werden euch den Palazzo zeigen«, versuchte sie zu vermitteln. »Es schadet sicher nichts, wenn ihr euch mit der Lage vertraut macht, aber hütet euch vor diesem schwarzen Staub! Er scheint uns Vampiren zu schaden. Wie er genau wirkt, wissen wir noch nicht, doch wir glauben, er ist die Ursache dafür, dass unsere magischen Kräfte uns unvermittelt im Stich lassen.«

Sie warfen noch einen Blick aus dem Fenster. Drüben im Palazzo Dario schien alles ruhig zu sein. Wachsam machten sich die Vampire auf den Weg. Sie überquerten die schmale, bogenförmige Brücke und gingen zwischen Campo und der Gartenmauer des Palazzos zum Tor. Luciano zog den Schlüssel aus der Tasche und öffnete. Er führte die drei Neuankömmlinge vom Garten in die große Halle und dann die Treppe hinauf ins Piano nobile. Tammo und Hindrik schienen angemessen beeindruckt, während Anna Christina kein noch so kleiner Mangel entging.

»Der Ballsaal ist nicht gerade groß, und hier hinten ist der Terrazzoboden überall gebrochen. Überhaupt finde ich diesen Boden nicht gerade schön. Wenn ich da an unsere Marmorböden in Wien denke. Der Brokat der Polster ist verblichen und abgewetzt und die Spiegel sind blind …«

»Was ich nicht gerade als unangenehm empfinde, werte Cousine«, beendete Leo ihre Litanei. »Darf ich dich daran erinnern, dass wir nicht hier sind, weil wir diesen Palazzo kaufen wollen. Wir suchen die Spuren der maskierten Schemenmänner!«

Anna Christina verstummte und folgte den anderen in einigem Abstand bis hinauf unters Dach, wo die Särge gestanden hatten und eine Tür auf die Loggia hinausführte. Tammo sah sich überall neugierig um und musste herzhaft niesen.

»Ich rieche gar nichts«, musste er zugeben, »aber das kitzelt scheußlich in der Nase. Ist es das, was dich zum Abstürzen gebracht hat?«, erkundigte er sich bei seiner Schwester, die sich noch immer sehr bedacht bewegte.

»Du kannst es ja mal ausprobieren«, schlug sie vor.

»Keine schlechte Idee«, pflichtete ihr Leo bei. »Versuch es! Wandle dich!«

»Was wollt ihr sehen?«, erkundigte sich Tammo großspurig und nieste noch einmal. »Einen Adler? Eine Fledermaus oder einen Wolf?«

»Einen Wolf«, entschied Leo, »das ist am einfachsten. Er steht uns am nächsten.«

»Nun gut«, stimmte Tammo ihm zu. »Das ist eine meiner leichtesten Übungen.«

Alisa spürte, wie er seine Kräfte zusammenzog und auf einen Punkt konzentrierte. Er beschwor das Bild des Wolfes herauf und ließ die wirbelnden Nebel aufsteigen, die jede Wandlung begleiteten.

Doch dann zog er eine Grimasse, sog tief die Luft ein und nieste wieder. Der grünliche Nebel stob davon und Tammo setzte sich unsanft auf seinen Hosenboden. Verwirrt sah er zu den anderen auf. In Lucianos Miene stand Belustigung, Hindrik sah eher entsetzt drein und Alisa besorgt. Anna Christinas Miene war nicht zu deuten.

»So ein Mist«, fluchte Tammo. »Ich hätte nicht gedacht, dass mir eine einfache Wandlung in einen Wolf noch mal misslingt.« Er erhob sich und ging auf die Tür zur Loggia zu, doch Anna Christina hielt ihn zurück.

»Es mag ja sein, dass ein gewisser Bartwuchs einen Jüngling männlicher erscheinen lässt. Von so viel Fell im Gesicht würde ich allerdings abraten.«

Verblüfft tastete Tammo über seine Wangen. Jetzt verstand er auch die besorgten Blicke. Sein Gesicht war komplett mit Fell bedeckt! Es war schon schlimm genug, eine Wandlung nicht zu schaffen, in der Hälfte einer Verwandlung stecken zu bleiben, konnte dagegen eine Katastrophe bedeuten!

»Oh nein, und wie bekomme ich das nun wieder weg?«

»Das sehen wir später«, beeilte sich Alisa zu sagen.

»Du versuchst es jedenfalls nicht hier und auch nicht allein«, warnte Leo. »Wir wissen nicht, was noch alles passieren kann, wenn unsere Kräfte derart beeinträchtigt werden. Hier im Haus müssen wir jedenfalls sehr vorsichtig vorgehen.«

Sie stiegen noch hinauf aufs Dach, doch wie Luciano gesagt hatte, fanden sie auch dort keine Spur von den Kisten, die die Männer durch das Wassertor in den Palazzo gebracht hatten.

»Ich habe auch nichts gefunden«, gab Tammo zu. Den anderen war es nicht besser ergangen.

Betrübt gingen sie wieder in die große Halle hinunter, in der sich früher vermutlich Unmengen an Handelsgütern gestapelt hatten, die nun aber leer war. Langsam drehte sich Alisa um ihre Achse.

»Wir müssten ihre Spuren zumindest hier am Tor wittern können. Doch es hängt nur dieser seltsame Geruch, der uns betäubt, in der Luft. Dann machen wir es doch wie bei unserer Suche nach Clarissas Entführer: Suchen wir den Teil des Hauses, an dem wir am wenigsten wittern, und ich wette mit euch, dort ist das Versteck!«

Sie verteilten sich und suchten aufmerksam jeden Raum ab. Es war Alisa, die auf die richtige Spur stieß, wobei es nicht der kaum wahrnehmbare Geruch war, der sie stutzig machte. Sie hatte zuerst den Garten durchsucht und war dann in die Halle zurückgekehrt, als ihr etwas auffiel. Sie ging noch einmal in den Hof, stieg dann die Treppe hinauf und kehrte wieder in die Halle zurück. Leo gesellte sich zu ihr.

»Du machst ein Gesicht, als hättest du des Rätsels Lösung entdeckt.«

»Vielleicht«, sagte sie langsam, während sie an der Wand entlangging, die an den Palazzo nebenan stieß.

»Wie dick, schätzt du, sind die Mauern dieses Palastes?«

Leo hob die Schultern. »Ich weiß es nicht, aber vermutlich so dünn wie nur möglich, da die Last des Hauses auf Pfählen ruht, die man in den Lagunenschlamm gerammt hat. Es war stets die Kunst, so leicht wie möglich zu bauen und das Gewicht gleichmäßig zu verteilen.«

»Eben! Wenn du dir aber die Außenmaße ansiehst und dann die Breite der Halle, dann könnte man die Mauer einer mittelalterlichen Burg vermuten.«

Leos Miene hellte sich auf. »Ein geheimer Lagerraum. Sehr schlau. Dann wollen wir uns mal dranmachen, den Eingang zu suchen.«

Nach und nach kamen die anderen herunter und halfen ihnen, nachdem sie in den oberen Stockwerken nichts gefunden hatten.

Es war Tammo, der schließlich den losen Ziegelstein fand, der den Mechanismus der verborgenen Tür in Gang setzte. Neugierig versammelten sie sich vor der Öffnung und spähten in einen langen, schmalen Raum, der voll von Kisten war. Die Vampire traten ein und öffneten einige von ihnen.

»Nein, wie schön!«, rief Alisa. »Ist das ein Tizian? Er war Venezianer und hat sein Leben lang hier gemalt, nicht wahr?«

Anna Christina öffnete eine kleine Truhe, die herrliche Schmuckstücke enthielt.

Leo pfiff durch die Zähne. »Clarissa und Luciano haben sich also ausgerechnet das Versteck einer Diebesbande zu ihrem neuen Wohnsitz gewählt. Das konnte ja nicht gut gehen.«

***

Als ihr Vater und die anderen Oscuri das Hauptquartier im Arsenal verlassen hatten, zog Nicoletta den Schlüssel aus ihrer Tasche und stieg noch einmal zu dem steinernen Gelass herab, in dem die Vampirin in ihrem Todesschlaf lag. Sie musste nicht befürchten, überrascht zu werden. Außer ihr war nur noch der frühere Anführer Tommaso im Haus, doch der konnte, seit einem Unfall vor vielen Jahren, seine Beine nicht mehr benutzen und saß wie immer auf einem Diwan in seinem Gemach.

Nicoletta wusste nicht so recht, warum sie das tat, doch das fremde Wesen faszinierte sie. Es war eine Mischung aus Bewunderung und Furcht, und vielleicht drückte sie noch immer das schlechte Gewissen, für ihren Zustand verantwortlich zu sein. So kam es ihr fast ein wenig wie ausgleichende Gerechtigkeit vor, dem Vampir ihr Blut geopfert zu haben.

Nicoletta fühlte sich schwach und musste sich am Geländer festhalten, um nicht die Treppe hinunterzustolpern. Draußen war es längst dunkel geworden. Wie Vampire waren auch die Oscuri auf gewisse Weise Wesen der Nacht, die im Verborgenen lebten und von den Menschen gefürchtet wurden, vielleicht, weil sie sie nicht kannten und nicht verstanden.

»Siehst du, wir sind gar nicht mal so verschieden«, murmelte Nicoletta, als sie an das Bett trat und auf die regungslose Gestalt mit ihren schaurigen Verbrennungen herabsah.

»Ich kenne nicht einmal deinen Namen. Ich weiß nur, dass du ein Vampir bist, der sich vom Blut Unschuldiger nährt, ein Ungeheuer der Nacht, doch sind wir das nicht auch ein wenig?«

Wieder schwieg Nicoletta und sah auf das ihr fremde Wesen herab.

Warum erwachte sie nicht? Endete der Todesschlaf der Vampire nicht jeden Tag, wenn die Sonne versank? Waren ihre Verbrennungen doch so stark, dass sich ihr Körper nicht wieder regenerieren konnte?

Nicoletta wollte sich gerade abwenden, um in ihr Bett zurückzukehren, als der Körper der Vampirin zuckte. Ein Stöhnen, das nach Schmerz klang, entrann ihren Lippen. Dann begann sie etwas zu murmeln. Nicoletta trat näher, um die Worte zu verstehen. War das ein Name? Er klang wie Luciano, doch ihre nächsten Worte waren nicht italienisch. Sprach sie Deutsch? Ja, es hörte sich so an, wie die österreichischen Besatzer gesprochen hatten. Viele waren nicht mehr in der Stadt, seit Venedig zum Königreich Italien gehörte. Doch einige Untertanen der Habsburger zogen es noch immer vor, hier in Venedig zu leben, obgleich sie von den Venezianern nicht gern gesehen wurden. Allerdings musste man zumindest die, die Geld mitbrachten, dulden. In Zeiten, da nicht mehr der Fernhandel Reichtum in die Stadt schwemmte, mussten dies wohlhabende Fremde übernehmen, die sich mehr oder weniger lange hier aufhielten, ausgelassen Karneval feierten und die Künste der Stadt bewunderten.

Wieder stöhnte die Vampirin, dann hoben sich ihre Lider, doch Nicoletta war sich nicht sicher, ob sie wach war. Sie hob ihre Kerze und ließ den Schein über den geschundenen Körper wandern. Plötzlich wurde der Blick klar, und Nicoletta erkannte, dass der Schmerz in ihm nicht allein die körperliche Pein widerspiegelte.

»Vernichte mich!«

»Was?« Nicoletta dachte, sich verhört zu haben. Sie beugte sich näher zu den schwarz verkrusteten Lippen herab.

»Töte mich!«, formten sie.

Nicoletta glaubte zu wissen, woher dieser Wunsch rührte. »Du musst Geduld haben. Die Schmerzen werden vergehen. Du bist ein Vampir. Mein Vater sagt, ihr könnt euch regenerieren.«

Die Vampirin schüttelte unter Mühen den Kopf. »Du verstehst das nicht. Es hat nicht funktioniert. Ich bin eine Unreine. Wir regenerieren uns jeden Tag, wenn wir schlafen.«

»Was bedeutet das, unrein?«

Die Stimme der Vampirin klang noch immer rau, und das Sprechen schien sie anzustrengen, aber sie sprach weiter.

»Ich war einst ein ganz normales Mädchen, naiv und verwöhnt, bis ich in Wien Luciano traf.«

»Einen Vampir?«

»Ja«, hauchte sie. »Wir haben uns ineinander verliebt und er hat mich verwandelt. Ich wollte es nicht. Ich wusste ja nicht, was er ist.«

»Und du liebst ihn noch immer?«

»Ja«, sagte sie, aber da war wieder dieser tiefe Schmerz. Sie richtete sich unter Mühen ein wenig auf und sah an sich herunter. Nicoletta konnte ihre Verzweiflung spüren.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Mein Name ist Clarissa«, sagte sie und wiederholte dann: »Vernichte mich! Bring zu Ende, was du begonnen hast.«

»Nein!«, protestierte die Oscuro. »Es war ein Unfall. Ich will dich nicht töten.«

»Das tut jetzt nichts mehr zur Sache. Erlöse mich, denn es bricht mir das Herz, mich so in seinen Augen zu sehen. Er liebt meine schöne Gestalt, mein Gesicht mit der makellosen weißen Haut und mein langes Haar. Wie könnte er mich als hässliches Scheusal noch lieben?«

»Wenn er dich wirklich liebt, wird ihm das nichts ausmachen«, behauptete Nicoletta, doch so ganz sicher war sie sich nicht. Auch bei den Oscuri wurden schöne Frauen bewundert und begehrt. Konnte Liebe wirklich selbstlos und frei von äußerem Schein sein?

»Vielleicht brauchst du nur mehr Zeit? Die Sonne ist der Feind der Vampire. Kann es nicht sein, dass Verletzungen durch Sonnenstrahlen nicht so schnell heilen wie andere Blessuren?«

Clarissa überlegte. »Ich weiß es nicht.«

»Gut, dann gedulde dich, und ich bin überzeugt, deine Schönheit wird zurückkehren. So schnell wirst du deinem Luciano eh nicht unter die Augen treten. Ich weiß nicht, was die Familie beschlossen hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vorhaben, dich in den nächsten Tagen freizulassen.«

»Luciano wird mich suchen und finden, und dann wird er mich befreien. Das könnt ihr nicht verhindern«, behauptete Clarissa.

Nicoletta lächelte überlegen. »Das glaube ich nicht. Wie sollte er unser Versteck finden? Bisher ist es noch niemandem gelungen, uns aufzuspüren. Kein Mensch …«

Clarissa fiel ihr ins Wort. »Luciano ist aber kein Mensch. Er ist ein Vampir mit mächtigen magischen Fähigkeiten, von denen du dir keine Vorstellung machen kannst, und er wird nicht ruhen, bis er mich gefunden hat. Er darf mich so nicht sehen! Ich könnte es nicht ertragen, die Abscheu in seinen Augen zu sehen. Das ist schlimmer als sterben.«

Nicoletta war nicht überzeugt. »Warte einfach ab und schlaf und lass der Natur ihren Lauf. Er kann dich hier nicht aufspüren. Auch wir verfügen über Magie, das müsste dir doch aufgefallen sein, oder ist es für normale Menschen so einfach, einen Vampir zu überraschen und sich seiner zu bemächtigen?«

»Nein«, musste Clarissa zugeben.

Sie schwiegen eine Weile und betrachteten einander. Nicoletta hatte bei ihrem heutigen Besuch auf ihre Maske verzichtet, und so konnte Clarissa zum ersten Mal ihr Gesicht sehen.

»Du bist noch sehr jung«, sagte sie scheinbar zusammenhangslos.

»Ich bin schon vierzehn!«, gab Nicoletta zurück und reckte ihre schmächtige Gestalt, die bereits erahnen ließ, dass sie sich zu einer schönen, jungen Frau entwickeln würde. Hübsch war sie jetzt schon mit ihrem dunklen Haar, den fast schwarzen Augen und den feinen Gesichtszügen.

»Nimm dir Zeit und prüfe gut, wem du dein Herz schenkst. Die Liebe ist ein scharfes Schwert, das tiefe Wunden reißt, die noch schlechter heilen als Wunden, die die Sonne einem Vampir zufügt. Erfreue dich an deiner unbeschwerten Jugend, solange es möglich ist.«

Nicoletta schnaubte abfällig durch die Nase. »Ich interessiere mich nicht für Jungen. Sie sind eingebildet und grob. Und sie denken, sie könnten alles besser als Mädchen. Aber ich bin schneller und schlauer als sie!«

»Die Zeit wird kommen, da trifft dich die Liebe wie ein Blitz mitten in dein Herz, und du kannst nichts dagegen tun.«

Ein Lächeln umspielte Clarissas verbrannte Lippen, als ihr die Augen zufielen und sie wieder in einen unruhigen Schlummer fiel.

Nicoletta betrachtete sie noch eine Weile, dann schüttelte sie den Kopf. Liebe, so ein Unsinn. Mit so etwas wollte sie nichts zu tun haben. Liebe war schädlich. Sie verwirrte die Sinne. Sie machte schwach und angreifbar. Das hatte ihr Onkel Leone ihr immer wieder gesagt. Er schien nichts von der Liebe zu halten. Vielleicht besuchte er deshalb seine Ehefrau und die jüngeren Kinder in ihrem Palazzo so selten.

So wenig wie sich ihr Vater früher bei Valentina hatte blicken lassen, seiner Frau und Mutter von Edoardo, Filippo, Nicoletta, Arianna und der kleinen Elena. Nun war Valentina seit drei Jahren tot und die beiden Jüngsten lebten seitdem im Haus von Leones Familie. Nicoletta aber teilte das Leben ihrer älteren Brüder, der Cousins, Onkels und ihres Vaters, der sie schon im zarten Alter von acht Jahren mit auf die Dächer genommen hatte. Vielleicht vermisste sie ihre Mutter deshalb nicht so sehr. Das Leben an der Seite ihres Vaters war so aufregend. War es nicht verständlich, dass sie nur selten Zeit gefunden hatte, ihre Mutter zu besuchen?

Fast so selten wie ihr Vater Calvino.

Nicoletta schüttelte den Kopf und riss sich aus ihren Gedanken. Sie nahm die Kerze und verließ die steinerne Zelle. Draußen schloss sie die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel zweimal herum.

***

»Ich denke, es wird Zeit, dass wir mehr über unseren Gegner in Erfahrung bringen«, sagte Anna Christina in diesem herrischen Ton, der ihr zu eigen war.

»Ach ja?«, konterte Tammo. »Und was machen wir hier gerade?«

Sie waren in der vergangenen Nacht im strömenden Regen zu ihrem Versteck auf dem Dachboden zurückgekehrt. Dort war es Tammo mit Alisas, Leos und Anna Christinas Hilfe gelungen, das Fell in seinem Gesicht wieder loszuwerden. Nun war es noch früh am Abend, und die Freunde saßen beisammen, um Pläne zu schmieden.

Anna Christina hob die Schultern. »Vergeblich nach Spuren suchen? Nein, ich glaube, wir müssen uns anderweitig umhören und die fragen, die bereits Erfahrung mit diesen seltsamen Gestalten haben.«

Alisa sah sie interessiert an. »Ach, und die wären?«

Auch Leo hob den Kopf und nickte dann. »Keine schlechte Idee, Cousine. Vielleicht ist es doch nicht so dumm, dass du nach Venedig gekommen bist.«

»Was?«, rief Tammo, der vergeblich versuchte, ebenfalls in Anna Christinas Gedanken zu lesen. Eine Grimasse des Schmerzes huschte über sein Gesicht. »Was hast du vor?«

»Sie will zur Polizei gehen«, erklärte Leo.

Tammo lachte. »Oh ja, eine gute Idee. Wir spazieren in die Polizeiwache und melden die Entführung einer Vampirin durch seltsame Vermummte, die unsere Magie stören. Darüber gibt es bestimmt schon jede Menge Akten und der Commissario wird uns detailliert berichten.«

Er erntete von Anna Christina einen strafenden Blick. »So würdest du vorgehen. Genau deshalb werde ich die Sache in die Hand nehmen.«

»Und wo finden wir die Polizei?«, wollte Luciano wissen.

Anna Christina seufzte tragisch. »Das weiß ich noch nicht, aber das dürfte ja nicht so schwer in Erfahrung zu bringen sein. Lasst mich das machen und sucht ihr hier lieber weiter nach euren Spuren.«

Sie stolzierte davon, holte ihren Koffer und zog ein bewundernswert raffiniert geschnittenes Kleid heraus. Es war aus hellblauer Seide und mit Rüschen und Spitzen verziert. Rasch kleidete sie sich um, steckte ihr Haar neu auf und krönte es mit einem frechen kleinen Hütchen, dessen lange weiße Feder sich neckisch zu ihrer Wange herabbog. Weiße Handschuhe und ein Ridikül aus dem gleichen Stoff vervollständigten ihre Aufmachung. Alisa konnte nicht verhindern, dass sie die Dracas bewundernd anstarrte und der Wunsch in ihr aufstieg, sie bei dieser Mission zu begleiten.

»Vergiss es«, wehrte Anna Christina ab. Die Art, wie sie Alisa musterte, war eine einzige Beleidigung. »Dein Erscheinungsbild wäre nicht von Vorteil.«

Leo brauste auf, doch Alisa fiel ihm ins Wort. »Vielleicht ist es wirklich besser, wenn Anna Christina allein geht. Einer hilflosen schönen Frau gelingt es bestimmt, die Zunge des Commissarios zu lösen.«

»Hilflos«, wiederholte Tammo mit einer Grimasse. »So hilflos und harmlos wie eine Kobra!«

»Und dabei muss er ja nicht einmal bereit sein, ihr alles zu erzählen. Es reicht ja schon, wenn er daran denkt«, meinte Hindrik.

Alisa und er begleiteten die Dracas bis zum Anleger vor der Akademie der Künste, wo auch bei Nacht immer einige Gondeln auf Passanten warteten. Der Regen hatte sich glücklicherweise verzogen, sodass Anna Christina nicht fürchten musste, dass ihr Aussehen Schaden nehmen könnte.

Alisa konnte nicht umhin, die Haltung der Dracas zu bewundern, wie sie da am Anleger stand und ein Boot heranwinkte. Es schien ganz einfach, sich nach der Questura zu erkundigen und sich dann dorthin bringen zu lassen. Anna Christina warf den beiden Vampiren am Ufer noch einen triumphierenden Blick zu, dann nahm sie in vollendeter Anmut unter dem Baldachin der Felze Platz. Alisa spürte, wie schwer es dem Gondoliere fiel, seinen Blick von ihr loszureißen und sich auf seinen Riemen zu konzentrieren. Vermutlich spielte sie bewusst mit ihm und genoss ihre Macht. Sie würde ihn um seinen Verstand bringen und vielleicht auch um sein Blut – sobald sie ihr Ziel erreicht hatten.

Alisa und Hindrik sahen der Gondel nach, die sich den Kanal hinunter in Richtung Bacino de San Marco aufmachte. Dann kehrten sie zu den anderen zurück, um ihre Beobachtungsposten einzunehmen.

***

Anna Christina verließ am Campo de San Lorenzo im Sestiere Castello die Gondel. Der Gondoliere reichte ihr die Hand, um ihr ans Ufer zu helfen, und nannte ihr dann den Preis für die Fahrt. Anna Christina lächelte kühl. Sie hatte nicht vor, dem Mann Geld zu geben, obgleich ihr Leo einen Beutel mit Lira überlassen hatte. So eine Verschwendung! Nein, für solche Dienste wusste sie eine bessere Entlohnung. Sie sah dem Mann in die Augen, bis sich sein Blick verschleierte.

»Ihr untertänigster Diener, Signorina«, hauchte er und bot ihr seinen Hals.

Anna Christina biss zu, trank einige Schlucke und ließ ihn dann in seine Gondel zurückgleiten.

»Mit Dank bis zum nächsten Mal«, sagte sie spöttisch, zog ein mit Spitze verziertes Taschentuch aus ihrem Ridikül und tupfte sich über die Lippen. Dann machte sie sich zur Questura auf.

Ein gelangweilt wirkender Polizist stand hinter dem Tresen. Träge hob er den Blick, doch als sein Geist erfasste, was er da vor sich sah, war er unvermittelt hellwach, nahm Haltung an und salutierte.

»Signorina, womit kann ich dienen?«

»Ich möchte mit Ihrem Herrn Commissario sprechen.«

Der Polizist wiegte verlegen den Kopf. »Das ist im Moment nicht möglich. Es ist schon sehr spät. Kann ich Sie bitten, morgen nach zehn Uhr noch einmal zu kommen?«

»Nein, das können Sie nicht«, widersprach Anna Christina. »Wo befindet sich Ihr Commissario im Moment? Hat er bereits Feierabend?«

»Nun ja, wie ich schon sagte, es ist spät«, wiederholte der Polizist.

Sie sah das Bild eines etwas korpulenten Mannes mit schütterem Haar in den Gedanken des Polizisten auftauchen, der im Gegensatz zu ihm keine Uniform trug. Vermutlich der Kommissar, nach dem sie ihn gefragt hatte. Doch er sah ihn nicht in der Umgebung eines trauten Zuhauses. Er saß an einem Tresen, ein Glas Wein und eine Schale mit frittierten Tintenfischstücken vor sich.

»Wie heißt die Osteria, in der der Commissario nach Feierabend einzukehren pflegt, und wo finde ich sie?«

»Ich habe nicht gesagt …«, protestierte der Polizist und verstummte dann unter ihrem Blick. Zitternd hob er die Hand und deutete zur Tür.

»Er ist gleich da drüben bei Da Mario.«

»Besten Dank.«

Anna Christina raffte ihre Röcke und wandte sich ab. Sie verzichtete darauf, auch den Uniformierten um ein wenig Blut zu erleichtern. Sein träumerischer Blick folgte ihr durch die Tür und die Stufen hinunter bis auf den Campo. Anna Christina sah sich um. Ja, dort drüben musste es sein. Licht und Stimmen fluteten auf den Platz hinaus. Mit energischen Schritten überquerte sie den Campo und trat in den Schankraum. Alle Augen richteten sich auf sie, die Gespräche verstummten. Selbst der Wirt hielt mitten in der Bewegung inne und achtete nicht mehr auf das Glas, das er unter den Hahn eines Fasses hielt. Selbst als das Bier ihm über die Hand lief und auf den Boden floss, reagierte er nicht.

Das war nicht ganz das, was Anna Christina beabsichtigte. Sie sammelte ihre Kräfte und sandte dann eine Welle von Energie aus, die in die Köpfe der Menschen eindrang und sie von ihr ablenkte. Anna Christina wartete, bis sich die Männer wieder ihren Gläsern zuwandten. Als die ersten Gespräche den Raum zu erfüllen begannen, trat sie auf den Mann zu, den sie im Geist des Polizisten gesehen hatte.

»Commissario? Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Er zwinkerte ein wenig verwirrt, doch sie ließ ihm nicht die Chance, ihr Ansinnen abzuwehren.

»Bitte, Signorina, setzen Sie sich. Darf ich Ihnen etwas bestellen?«

Anna Christina wehrte ab. »Nein, danke, ich möchte mich nur ein wenig mit Ihnen unterhalten. Ich muss gestehen, ich war neugierig auf Sie, nachdem ich schon so viel von Ihnen gehört habe.«

Natürlich fühlte er sich geschmeichelt und warf sich ein wenig in die Brust.

»Was für eine aufregende Arbeit«, fuhr sie fort. »All die schrecklichen Verbrecher in Venedig zu jagen.«

»So eine gefährliche Stadt ist Venedig nicht«, wiegelte er ab. »Bei uns geht es nicht so zu wie in anderen Städten des Königreichs oder gar wie in Rom. Nur hier und da ein Diebstahl, ein kleiner Einbruch. Wir haben hier eine sichere Stadt, Signorina, da können Sie ganz beruhigt sein.«

Anna Christina sah ihn aus großen Augen an. »Ach, wirklich, Commissario? Und dabei habe ich die Leute hinter vorgehaltener Hand reden hören. Von fliehenden Schemen, die keiner zu halten vermag. Vom nächtlichen Alb, der über die Dächer kommt und dann einfach davonfliegt.«

Sie sah in seinen Gedanken einen Raum Gestalt annehmen. Was war das? Ein Palazzo, ja, sie konnte Leuchter und Gemälde sehen und schwere Vorhänge.

Ein Ball oder ein Empfang? Es waren Damen und Herren in feiner Abendgarderobe anwesend, die aufgeregt durcheinanderredeten. Sie hörte die schrille Stimme einer Dame, die kurz davor war, in Hysterie zu verfallen, und spürte den Groll des Commissarios, der so etwas hasste.

Was rief sie? Irgendetwas von einem Collier und einem Diamantarmband.

»Was ist mit all diesen Überfällen«, raunte Anna Christina ihm ins Ohr. »Der Schmuck, das Geld«, fügte sie hinzu, um seine Fantasie anzuregen.

Die Bilder in seinem Kopf wurden klarer. Ah, jetzt konnte sie die seltsam grünen Tische erkennen. Es war ein Casino. Nicht schlecht! Da hatten diese Vermummten sicher gute Beute gemacht.

»Das Casino«, half sie ihm auf die Sprünge. »Konnten Sie diesen Überfall aufklären? Und was ist mit den Einbrüchen in die Palazzi?«, fantasierte sie, als ihr der Tizian einfiel und die anderen Gemälde, die sie in dem geheimen Lager gefunden hatten.

Seine Miene blieb noch immer unverändert, doch sie konnte die Gefühle von Zorn und Demütigung in ihm aufsteigen spüren, die dann in Resignation übergingen. Er konnte ihnen einfach nicht beikommen.

»Wer sind sie?«, drängte Anna Christina.

»Keiner weiß es«, flüsterte der Kommissar gegen seinen Willen. »Wir nennen sie Larvalesti, denn sie sind wie Geister, wie flüchtige Schemen, die keiner halten kann. Es gibt sie, seit ich denken kann. Meine Großmutter hat mir als Kind von ihnen erzählt. Wie sie früher in der großen Zeit der Serenissima die Kaufleute beraubten und jedes Mal verschwanden, ohne eine Spur zu hinterlassen – außer ein wenig Staub.«

»Haben Sie nicht versucht, sie zu finden und zu fassen?«, drängte Anna Christina.

»Oh ja, seit vielen Jahren ist es mein einziges Ziel, der Larvalesti habhaft zu werden. Darüber werde ich alt und grau, doch ich kann sie nicht aufspüren. Immer wenn ich glaube, wir sind ihnen dicht auf den Fersen und werden sie erwischen, schlagen sie uns ein Schnippchen, und wir bleiben zurück, in entrückte Träume versunken.«