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Die Autorin

Tiernan.tif

Foto: © Paul L. della Maggioro

Cate Tiernan wuchs in New Orleans auf und studierte russische Literatur an der New York University. Sie arbeitete zunächst in einem renommierten Verlag in New York, bevor sie beschloss, selbst Schriftstellerin zu werden. Ihre Hexenserie »Das Buch der Schatten« ist ein riesiger Erfolg und wurde in mehrere Länder verkauft; ein Kinofilm ist in Arbeit. Heute lebt Cate Tiernan mit ihrem Mann, zwei Töchtern und zwei Stiefsöhnen, einem Pudel und vielen Katzen in North Carolina.

Von Cate Tiernan ist bei cbt bereits erschienen:

Das Buch der Schatten – Verwandlung (38003)

Das Buch der Schatten – Magische Glut (38004)

Das Buch der Schatten – Bluthexe (38005)

Das Buch der Schatten – Flammende Gefahr (38006)

Das Buch der Schatten – Dunkle Zeichen (38007)

Das Buch der Schatten – Böse Mächte (38008)

Das Buch der Schatten – Schwarze Seelen (38009)

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cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch Dezember 2013

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2001 17th Street Productions, an Alloy company,

and Gabrielle Charbonnet

Published by arrangement with Rights People, London

Die amerikanische Originalausgabe erschien

unter dem Titel »Sweep – Changeling«

bei Penguin US, New York

© 2013 cbt Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Elvira Willems

Umschlaggestaltung: © Isabelle Hirtz, München,

unter Verwendung eines Bildes von Yurchyks / Shutterstock

kg · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-10727-7
V002

www.cbt-jugendbuch.de

Für meinen inneren Wolf

1

Durchbruch

Zweifellos habe ich nicht gewusst, was das Wort »gottverlassen« wirklich bedeutet, bevor ich an diesen Ort kam. Barra Head liegt an der Westküste des schottischen Hochlands; eine wildere, ungezähmtere Landschaft lässt sich nur schwer vorstellen. Doch, Bruder Colin, ich freu mich überaus, hier zu sein, und bin begierig, den guten Menschen hier die Botschaft des Herrn zu bringen. Morgen werde ich mich mit den Leuten bekannt machen und ihnen die Freude von Gottes Wort bringen.

– Bruder Sinestus Tor, Zisterziensermönch, in einem Brief an seinen Bruder Colin, ebenfalls Mönch, September 1767

»Okay, ich bin weg«, sagte meine Schwester Mary K. und lief die Treppe hinunter. Draußen war gerade das charakteristische Hupen des Minivans der Mutter ihrer Freundin Jaycee erklungen.

»Bis dann«, rief ich ihr hinterher. Obwohl meine kleine Schwester Mary K. erst vierzehn war, wirkte sie in mancher Hinsicht eher wie Mitte zwanzig und war auch körperlich viel reifer als ich.

»Schatz?« Meine Mutter steckte den Kopf zu meiner Tür herein. »Komm doch mit uns zu Eileen und Paula.«

»Heute lieber nicht«, sagte ich und bemühte mich, nicht unfreundlich zu klingen. Ich hing sehr an meiner Tante Eileen und ihrer Freundin Paula, konnte mir aber nur schwer vorstellen, mit ihnen zu plaudern, zu lächeln, zu essen und so zu tun, als wäre alles ganz normal, wo doch vor ein paar Tagen mein ganzes Leben in Stücke gebrochen war.

»Sie hat Seegrassalat gemacht«, versuchte meine Mutter, mich zu locken.

»Iiiih!« Ich streckte ihr die gekreuzten Zeigefinger entgegen, um das gesunde Essen abzuwehren, und meine Mutter verzog das Gesicht.

»Okay. Ich dachte nur, du möchtest gern noch mal mit der Familie zusammen essen«, sagte sie in Schuldgefühle einflößendem Tonfall.

»Mom, ihr seid nur elf Tage weg. Wir sehen uns noch den Rest meines Lebens. Wir werden noch endlos oft mit der Familie zusammen essen«, sagte ich. Meine Eltern wollten am nächsten Tag zu einer Kreuzfahrt auf die Bahamas aufbrechen, um ihren Hochzeitstag zu feiern.

»Mary Grace?«, rief mein Vater, was übersetzt so viel hieß wie: Beeil dich!

»Okay.« Meine Mutter sah mich nachdenklich an und plötzlich war die ganze Leichtigkeit des Augenblicks verflogen. Meine Eltern und ich hatten in den letzten Monaten einiges durchgemacht, und ab und zu stiegen die Erinnerungen daran wieder auf und zwickten uns.

»Viel Spaß«, sagte ich und wandte mich ab. »Sag Eileen und Paula schöne Grüße von mir.«

»Mary Grace?«, sagte mein Vater noch einmal. »Tschüs, Morgan. Wir bleiben nicht zu lange.«

Kaum fiel die Haustür ins Schloss, entspannten sich meine Schultern vor Erleichterung. Endlich allein. Frei, ich selbst zu sein, wenigstens für ein Weilchen. Frei, mich elend zu fühlen, mich auf dem Bett zusammenzurollen, ziellos im Haus herumzuwandern, ohne mit jemandem reden oder einen einigermaßen normalen Eindruck machen zu müssen.

Wobei: Frei, ich selbst zu sein, war eher ein Witz. Ich war Wiccanerin. Und nicht nur Wiccanerin, sondern eine Bluthexe und eine Woodbane obendrein. Mein leiblicher Vater, Ciaran MacEwan, hatte meine leibliche Mutter, Maeve Riordan, umgebracht. Ciaran war eine der bösesten, gefährlichsten und unbarmherzigsten Hexen, die es gab, und ich stammte zur Hälfte von ihm ab. Was sagte das über mich?

Ich betrachtete mich im Schlafzimmerspiegel. Ich sah immer noch aus wie ich: glattes braunes Haar, haselnussbraune Augen, eine ganz leicht schräg stehende starke Nase. Ich war ein Meter achtundsechzig groß, siebzehn Jahre alt, und ich wartete noch darauf, dass mein Körper weibliche Kurven entwickelte.

Ich sah nicht aus wie eine Rowlands. Auch wenn ich ganz anders aussah als der Rest meiner Familie und Mary K. und ich so verschieden waren, war ich sechzehn Jahre lang gar nicht auf die Idee gekommen, ich könnte keine Rowlands sein. Jetzt wussten wir alle, warum ich so anders war: weil ich eine geborene Riordan war.

Mit schmerzender Brust ließ ich mich aufs Bett plumpsen. Erst vor ein paar Tagen war ich nur knapp dem Tod entkommen – Ciaran hatte in Manhattan versucht, mich umzubringen. Als er erkannt hatte, dass ich seine Tochter war, hatte er es sich anders überlegt und meinem Freund Hunter geholfen, mich zu retten. Mein Vater hatte schon meine Mutter umgebracht. Er hatte versucht, mich zu töten. Ciaran war unglaublich böse und dieses Böse war auch ein Teil von mir. Wie konnte Hunter nur so tun, als würde er nicht verstehen, warum ich mich von ihm getrennt hatte?

O Göttin, Hunter, dachte ich voller Sehnsucht. Ich liebte ihn, begehrte und bewunderte ihn, vertraute ihm und respektierte ihn. Er war groß und blond, sah gut aus und hatte einen tollen englischen Akzent. Er war eine machtvolle initiierte Bluthexe, halb Woodbane, und er war Sucher des Internationalen Rats der Hexen. Er war mein mùirn beatha dàn – mein Seelengefährte. Für die meisten Menschen hieß das, dass sie dazu bestimmt waren, für immer zusammen zu sein. Doch ich stammte von einer der bösesten Hexen in der Geschichte von Wicca ab. Durch dieses Erbe war ich für immer verdorben. Ich war vergiftet und würde alles zerstören, was ich anfasste. Ich ertrug den Gedanken nicht, Hunter wehzutun; dieses Risiko konnte ich einfach nicht eingehen. Also hatte ich ihm gesagt, ich würde ihn nicht mehr lieben und er solle mich in Ruhe lassen.

Deswegen war ich jetzt allein und hatte mich die letzten Tage an das Kopfkissen geklammert und mich vor Einsamkeit verzehrt, krank vor Elend.

»Was soll ich bloß machen?«, fragte ich laut. Es war Samstag und Kithic, mein Hexenzirkel, traf sich zum wöchentlichen Kreisritual. Imbolc stand kurz bevor – einer unserer acht jährlichen Hexensabbate –, und ich wusste, dass wir uns an diesem Abend über die Vorbereitungen für die Feier unterhalten wollten. Zum Kreisritual zu gehen, das Engagement aufzubringen, jede Woche dabei zu sein, gehörte zum Wicca-Leben dazu. Es war Teil des Jahresrads, Bestandteil des Lernens. Eigentlich hätte ich hingehen müssen.

Aber ich konnte einfach nicht. Der Gedanke, Hunter zu sehen und die anderen Mitglieder meines Hexenzirkels, die mich mitleidig, ängstlich oder misstrauisch beäugten, war mir unerträglich.

»Miau?«

Ich sah mein Katerchen an.

»Dagda«, sagte ich und hob ihn hoch. »So langsam wirst du ein großer Junge mit einem lauten Miau.« Ich streichelte ihn und spürte seinen Körper vom Schurren vibrieren.

Wenn ich heute Abend zum Kreisritual ging, würde ich Hunter sehen, seinen Blick spüren, seine Stimme hören. War ich stark genug, mich dem schon zu stellen? Ich glaubte es nicht.

»Ich kann da nicht hin«, erklärte ich Dagda. »Ich bleibe hier. Ich mache hier ein Kreisritual.« Mit dem Gefühl, auf diese Weise ebenfalls mein Engagement für Wicca zu zeigen, stand ich auf. Vielleicht konnte es meinen Schmerz lindern, wenn ich die magische Kraft herbeirief. Vielleicht konnte es mich – wenigstens für ein Weilchen – von Hunter ablenken und von dem Bösen, das ich geerbt hatte.

Ich ging in meinen begehbaren Kleiderschrank und zog unter dem Bademantel meinen Altar heraus. Soweit ich wusste, hatten meine Eltern ihn noch nicht entdeckt. Der Altar bestand aus einer kleinen Truhe, über die ich ein lilafarbenes Leinentuch gelegt hatte, und ich benutzte ihn, wenn ich zu Hause ein Ritual abhalten wollte. Er war hinten im Schrank versteckt, wo meine Eltern, die streng katholisch waren, nicht unbedingt darüberstolpern konnten. Es war schon schlimm genug für sie, dass ich überhaupt Wicca praktizierte, und sie wären sehr unglücklich, wenn sie wüssten, dass ich Wicca-Utensilien im Haus hatte.

Ich schob die Truhe mitten ins Zimmer und richtete sie so aus, dass die Ecken in die vier Himmelsrichtungen zeigten (das hatte ich vor Wochen herausgefunden und mir die entsprechende Position gemerkt). Auf die vier Ecken der Truhe stellte ich die zeremoniellen Silberschalen, die meiner leiblichen Mutter gehört hatten. Wie immer ruhte mein Blick voller Liebe und Dankbarkeit darauf. Ich hatte Maeve nicht gekannt, doch ich war im Besitz ihrer magischen Werkzeuge, und sie bedeuteten mir alles.

In eine Schale goss ich frisches Wasser. In die zweite Schale, die halb mit Sand gefüllt war, steckte ich ein Räucherstäbchen und zündete es an. Der dünne graue wohlduftende Rauchfaden symbolisierte das Element Luft. In der dritten Schale war eine Handvoll Steine und Kristalle als Symbol für das Element Erde. In der letzten Schale zündete ich eine dicke rote Kerze an, die für Feuer stand. Die Farbe der Kerze stand für Macht, für Leidenschaft, für Feuer, für mich. Feuer war mein Element, ich wahrsagte damit und konnte mit meiner Willenskraft Feuer entzünden.

Rasch legte ich meine Kleider ab und streifte mein grünes Gewand über. Die dünne Seide war mit keltischen Symbolen bestickt, Runen und Sigillen des Schutzes und der Macht. Maeve hatte dieses Gewand getragen, als sie zu Hause in Irland die Kreisrituale ihres Hexenzirkels geleitet hatte. Davor hatte ihre Mutter Mackenna es getragen. Und so weiter, über viele Generationen.

Ich trug das Gewand unglaublich gern, denn dann hatte ich das Gefühl, meiner Bestimmung zu folgen, und ich spürte darin eine Verbindung zu den Frauen, die ich nicht gekannt hatte. Konnte das Gute von Maeve das Böse von Ciaran in mir aufheben? Welche Hälfte würde siegen?

Sobald die Falten des Gewands mich umschwebten und mich ganz in ihre magischen Schwingungen hüllten, holte ich meine anderen Werkzeuge heraus: einen Athame und einen langen, schmalen Magierstab mit Verzierungen aus Silberdraht, die in das dunkle alte Holz getrieben worden waren. Ich war bereit.

Zuerst zeichnete ich mit Kreide einen Kreis auf den Boden. Mit flüchtigem Stolz bemerkte ich, dass meine Kreise immer perfekter wurden. Der hier war fast ganz rund. Ich trat hinein, schloss ihn und kniete vor dem Altar nieder. »Göttin und Gott, ich rufe euch an«, sagte ich leise und blickte in die Kerzenflamme. »Eure Tochter Morgan ruft eure Göttlichkeit und eure Macht an. Helft mir, Magie zu wirken. Helft mir zu lernen. Zeigt mir, was zu wissen ich bereit bin.« Dann schloss ich die Augen, atmete ganz aus und langsam wieder ein. Kaum eine Minute später war ich in einem tiefen meditativen Zustand versunken. Ich hatte so viel geübt, dass meditieren so selbstverständlich geworden war wie einen Muskel anspannen. Es war da, fast sofort, und es war stark.

Was bin ich bereit zu wissen?, fragte ich. Vor mir spulte sich ein schmaler Feldweg ab. Bäume und Sträucher säumten beide Ränder, was den Weg einladend machte und abgeschieden zugleich. Ich folgte dem Weg, weich und ohne dass ich das Gefühl hatte, Schritte zu machen – als würde ich über die festgefahrene Erde schweben. Es fühlte sich wunderbar an, aufregend. Neugierig bewegte ich mich schneller.

Ich flog um eine Kurve und fuhr voller Entsetzen zurück. Meiner Kehle entstieg ein wortloser Schrei. Eine sterbende Schlange versperrte mir den Weg, eine schwarze zuckende zweiköpfige Schlange. Ihr Fleisch war zerrissen und zerfressen; beißendes Blut befleckte den Untergrund, bei dessen bitterem, widerlichem Gestank ich mir Nase und Mund zuhalten musste. Das Ding lag im Sterben. Es wand sich im Todeskampf und zuckte noch ein paarmal, während es seinen letzten Atem verströmte und sämtliches Blut aus ihm floss. Ich bewegte mich langsam rückwärts, unsicher, wie gefährlich das Tier noch war, und dann senkte sich vom Himmel ein wunderschöner kalter kristallener Käfig über die zweiköpfige Schlange. Mit einem letzten gequälten Aufschrei peitschte sie ihren mit Stacheln besetzten Schwanz und starb. Der Käfig schimmerte sanft über ihr, er schien aus Luft gemacht, aus Musik, aus Gold, aus Kristallen. Er war ganz aus Magie. Ich hatte ihn gemacht. Und mit Hilfe meines Käfigs die Schlange besiegt.

Keuchend hangelte ich mich zurück in die Wirklichkeit, und als ich die Augen aufschlug, klopfte mein Herz wie wild, und in der Nase hatte ich noch den Gestank des Schlangenbluts. Mir war danach, mich zu übergeben, die schrecklichen Bilder verharrten noch auf meiner Netzhaut. Die zweiköpfige Schlange, das waren Cal Blaire und Selene Belltower gewesen. Um das zu wissen, brauchte ich keinen Abschluss in Psychologie. Mein Unterbewusstsein kämpfte wohl immer noch mit diesem schrecklichen Erlebnis. Kein Tag war seither vergangen, an dem ich nicht an den Tod von Cal und seiner Mutter Selene gedacht hatte. Ich blickte auf meine rote Kerze und schauderte. Ausgeschlossen, dass ich diesen Weg heute Abend weiterverfolgte. Vielleicht musste ich es sehen, vielleicht hatte die Magie es mir vor Augen führen müssen, um etwas daraus zu lernen, doch ich fühlte mich dem nicht gewachsen. Ich konnte nur hoffen, dass die Erinnerungen im Laufe der Zeit in den Tiefen meines Hirns versinken würden.

Ich schluckte und betrachtete den Rauchfaden, der von dem Räucherstäbchen aufstieg. Wenn ich dem Weg meines Unterbewusstseins weiter gefolgt wäre, hätte ich mich gesehen – in New York und kurz davor, wegen meiner magischen Kräfte von Ciarans Hexenzirkel geopfert zu werden.

Nein danke. Das genügte. Die Göttin hatte wohl gedacht, ich wäre bereit dafür, doch ich fühlte mich ganz und gar nicht so.

Wieder richtete ich den Blick auf die rote Kerze. Ich steckte in einer seltsamen Situation: Ich war eine ungewöhnlich mächtige Bluthexe. Doch weil ich erst vor ungefähr drei Monaten von Wicca entdeckt worden war, war ich, was die Ausübung der Magie anging, noch relativ ungeschult. Ich hatte mir alle Mühe gegeben zu lernen, doch angesichts der Breite und der Tiefe dessen, was eine Hexe alles wissen musste, würde das wohl mein ganzes Leben lang so bleiben. Außerdem war ich noch nicht initiiert. Eine uninitiierte Hexe hatte noch nicht die volle Gewalt über ihre magischen Kräfte – ja, eigentlich sogar gar keine Gewalt darüber. Zumindest sagten mir das alle immer wieder.

Bis jetzt hatte ich es toll gefunden, zu spüren, wie meine magische Kraft wuchs und gedieh, sich reckte wie eine Pflanze zum Licht. Je öfter ich Magie wirkte, desto stärker kam sie mir vor und desto leichter fiel es mir, sie zum Fließen zu bringen. Obwohl ich eine Woodbane war, hatte ich geglaubt, meine Magie wäre gut, ich würde sozusagen im Sonnenschein wandeln. Belwicket war ein Woodbane-Hexenzirkel gewesen, hatte jedoch schon vor Jahrhunderten der dunklen Seite abgeschworen. Doch dann hatte ich erfahren, dass Ciaran mein leiblicher Vater war, und alles, was ich bis dahin geglaubt hatte, war eingestürzt wie ein Kartenhaus. Ich war mir nicht mehr sicher, dass ich Magie für Gutes nutzen würde. Ob ich mich aus den Grauzonen heraushalten konnte. Jetzt dachte ich mit jedem Atemzug daran, dass ich aus Bösem geboren worden war, dass ich die Tochter eines Mörders war. Und dass mich das Hunter gekostet hatte.

Ich habe eine Wahl, dachte ich. Ich entscheide mich, Magie für Gutes zu verwenden.

Ich richtete den Blick auf den Altar und konzentrierte mich, zentrierte mich und bündelte meine Energie. Steig auf, dachte ich, den Blick auf die silberne Schale mit dem Räucherstäbchen gerichtet. »Steig auf, sei leicht, sei leicht wie Luft. Ich heb dich hoch und halt dich dort.« Der kleine Vers war mir unvermittelt in den Sinn gekommen und im nächsten Augenblick wankte die silberne Schale auch schon ein wenig und stieg dann zitternd über dem Altar auf. Dort schwebte sie, schwerelos, während ich schockiert darauf starrte. O Gott, dachte ich. Wicca hatte mir in den letzten drei Monaten viele Dinge gezeigt, die ich niemals für möglich gehalten hätte, doch die Vorstellung, dass ich die Macht besaß, Dinge schweben zu lassen, haute mich um.

Okay, konzentrier dich, sagte ich mir, als die Schale zu kippen drohte. Ich konzentrierte mich. Fast augenblicklich stabilisierte sie sich wieder.

Als Nächstes ließ ich die Kerze aufsteigen und ließ die beiden Objekte vor mir schweben. Ging es auch mit dreien? Ja. Die Wasserschale erhob sich graziös. Ich konnte sie jetzt ruhiger halten, und die drei Objekte schwebten vor mir, als ich meine Aufmerksamkeit der Schale mit den Kristallen zuwandte. Dies war erstaunliche, intensive Magie. Ich wusste, dass diese Fähigkeit nicht von meiner Freundin Alyce Fernbrake stammte, die in dem machtvollen Ritual tàth meànma brach ihr ganzes magisches Wissen mit mir geteilt hatte.

Das hier war ich, diese magische Kraft war allein meine. Sie war schön und gut auf eine Weise, wie ich es nie sein konnte.

Ein leichtes Vibrieren des Fußbodens entging meiner Aufmerksamkeit, als ich mich daran machte, die Schale mit den Kristallen schweben zu lassen. Doch dann drang etwas an meine Ohren, was mich ablenkte … Mist, das waren Schritte!

Ich sprang auf, schob rasch den Altar hinter den Schreibtisch und kickte die silbernen Schalen und die Kerze aus dem Weg. Hoffentlich hatte ich nicht den Teppich versengt. Ich sprang ins Bett und zog mir gerade die Decke über die Ohren, als die Tür zu meinem Zimmer aufging.

»Morgan?«, flüsterte meine Mutter und linste herein.

Ich schlafe, ich schlafe schon tief und fest, dachte ich, und meine Augenlider wurden schwer. Meine Mutter schloss leise die Tür, und ich hörte, wie sie den Flur runterging. Ich wartete noch, bis die Tür zu ihrem Schlafzimmer zuging, dann schlich ich aus dem Bett und räumte so leise wie möglich auf. Das war unendlich dumm gewesen. Ich war so von mir eingenommen gewesen, dass ich vergessen hatte, einen Grenzzauber zu wirken, der mich beim Nachhausekommen meiner Eltern gewarnt hätte. Ich hatte meine Sinne nicht ausgeworfen und nicht auf meine Umgebung geachtet.

Behutsam schob ich den Altar zurück in den Schrank. Ich legte das magische Gewand ab, sammelte die Schalen und die magischen Werkzeuge ein und versteckte sie zusammen mit dem Altar. Am nächsten Tag würde ich sie dort verstauen, wo ich sie normalerweise versteckte: hinter der Abdeckung der Klimaanlage im Flur. Ganz schön eingebildet, was?, dachte ich entrüstet, während ich versuchte, den Sand mit den Fingern zusammenzukratzen. Du willst einfach nur Magie machen, ohne über die Folgen nachzudenken. Du benimmst dich wie eine Woodbane.

Ich wischte den Kreis weg, so gut es ging. Den Rest musste ich am nächsten Tag machen. Dann putzte ich mir die Zähne und schlüpfte in meinen Schlafanzug, ging ins Bett und zog die Decke bis ans Kinn. Mein ganzes Elend war wieder da, ja, sogar noch mehr. Ich hatte heute Abend das Kreisritual meines Hexenzirkels versäumt. Ich war Ciarans Tochter. Ich hatte Hunter verloren. Wenn die Dinge schon jetzt so schlecht standen, wo ich erst siebzehn war, wie sollte es denn sein, wenn ich auf die dreißig zuging?