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DIE AUTORIN

Patrycja Spychalski, geboren 1979 in Starogard, Polen, zog im Alter von neun Jahren mit ihren Eltern nach Berlin. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Schauspielausbildung, wandte sich dann aber einem ganz anderen Bereich zu: Seit 2002 arbeitet sie in vielfältigen sozial-kulturellen Projekten mit Kindern und Jugendlichen. Sie schrieb schon mehrere Kurzgeschichten für Anthologien, bevor sie ihren ersten Roman »Ich würde dich so gerne küssen« verfasste. Spätestens nachdem man dieses Buch gelesen hat, merkt man, dass ihre große Liebe der Rockmusik gilt – selbstverständlich neben ihrem Freund, ihrem kleinen Sohn Juri und ihren beiden neurotischen Katzen, mit denen sie in Berlin lebt.

Weitere lieferbare Titel von Patrycja Spychalski bei cbt:

Ich würde dich so gerne küssen
Fern wie Sommerwind

Patrycja Spychalski

DER EINE KUSS
VON DIR

CBT-Logo_epscbt ist der Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch Februar 2014

Gesetzt nach den Regeln der
Rechtschreibreform

© 2014 cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Ivana Marinović

Umschlaggestaltung: © Kathrin Schüler,
Berlin unter Verwendung eines Motivs
von mauritius images / Photo Alto

jb · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-11951-5

www.cbt-jugendbuch.de

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»JAAA! – EINE PIZZA schön gedrittelt ist die beste Grundlage für eine starke Nacht!«, schreit Dan quer über den ganzen Bahnhof und stopft sich sein Drittel in den Mund, als könnte gleich jemand kommen, der sie ihm streitig macht.

»Weißt du was? Kannst mein Stück auch haben«, sage ich, in der Hoffnung, dass er dann noch eine Weile seinen Mund hält. Ich reiche ihm meine fettige Pappe und er grapscht sich die Pizza mit einem breiten Grinsen.

Wir ziehen die Blicke der anderen Fahrgäste auf uns, wie wir da am Boden hocken, völlig assi die Fliesen mit Tomatenmatsche volltropfen und mit unseren dicken Rucksäcken den Weg versperren. Edgar ist auch völlig genervt, ganz besonders wegen Dan. So war das alles nicht geplant.

Die BlackBirds starten heute ihre Tour in Wittstock. Edgar und ich sollten mit in den Tourbus, doch die Verstärker sind so verdammt groß, dass in letzter Minute kein Platz mehr für uns war. Eigentlich wollte ich daraufhin am liebsten gleich wieder nach Hause abziehen, aber ich hatte mich verpflichtet, die Jungs mit meiner Kamera auf ihrer Tour zu begleiten, und sogar schon Geld dafür im Voraus kassiert, deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als so zu tun, als würde mir das nichts ausmachen. Rock’n’Roll, oder was? Ich hatte dann auch gleich noch ein bisschen gefilmt, wie die Instrumente in den Bus verstaut wurden, unter Keuchen und Fluchen und ein paar blöden Sprüchen. Dann, als alles am richtigen Platz war, klopften sich alle gegenseitig auf die Schultern, der Schweiß wurde von der Stirn gewischt und Bierflaschen ploppten auf. Einige prosteten der Kamera zu, andere wandten sich ab. Ich stellte fest, dass ich von Jungs umringt war. Die drei von den BlackBirds, Milo, Robert und Tom. Zwei von der Technik, Matse und Christian. Und dann noch ein paar, deren Namen ich nicht weiß und auch nicht ihre Aufgabe. Mit keinem von ihnen hatte ich mehr als zwei Worte gewechselt. Das Geschäftliche hatte Tom, der Bassist und Organisationsmensch der BlackBirds, per Mail mit mir ausgemacht. Unterkunft, Zeitrahmen, Materialkosten und so weiter. Dann hat er Geld auf mein Konto überwiesen und um den Rest sollte ich mich selber kümmern. Ich war froh, als Edgar endlich auftauchte. Ihn kenne ich. Er ist ein Freund. Ich überbrachte ihm die schlechte Nachricht, dass wir nicht mehr in den Bus passen, woraufhin er eine Weile mit Tom diskutierte, aber da war wirklich nichts zu machen, also wurde ein bisschen rumtelefoniert, und schließlich reservierten sie Zugtickets für uns, damit wir auch pünktlich zum Auftritt da sein konnten.

Kurz vor der Abfahrt kam Maja noch angerannt, meine beste Freundin, die ich gerne als Unterstützung mitgenommen hätte, aber sie hatte einen Job in einer Strandbar angenommen, um ihren Vater bei der Miete zu unterstützen.

»Oh Gott, ich dachte ihr wärt schon weg«, keuchte sie und stützte sich auf ihre Knie, um wieder zu Atem zu kommen. Sie musterte kritisch meine Weggefährten und zog mich dann hinter die Imbissbude.

»Du passt auf dich auf, ja?«, schärfte sie mir ein.

»Ja Mutti!«, lachte ich.

»Nix Mutti! Ich kenne solche Typen, echt. Die bilden sich was darauf ein, dass sie ein Instrument spielen können. Du musst unbedingt verhüten, hörst du!«

»Maja! Ich werde mit keinem von denen schlafen. Komm mal klar!« Es ist mir immer unangenehm, mit Maja über Jungs zu reden. Sie hat schon richtig viel Erfahrung und ich komme mir neben ihr immer bisschen naiv und dumm vor.

»Du kannst mich jederzeit anrufen. Auch nachts. Da stehe ich wahrscheinlich sowieso nur hinter der Bar und muss den ganzen Besoffenen beim Feiern zusehen. Was für ein Horror!« Sie verdrehte die Augen.

»Es wäre echt schön gewesen, dich dabeizuhaben.« Ich umarmte sie und vergrub meine Nase in ihren schönen, frisch gewaschenen Haaren.

»Jetzt fang aber nicht an zu heulen, oder so.« Sie packte mich an den Schultern, lächelte mir aufmunternd zu und drückte mir einen feuchten Kuss auf die Stirn. Als wir wieder zurück zur Gruppe gingen, sah Maja sich um und warf den Jungs ein paar böse Blicke zu. Dann ging sie schnurstracks auf Edgar zu, beugte sich vor und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nickte und sie kam mit einem zufriedenen Ausdruck zu mir zurück.

»Woher kennst du Edgar?«, fragte ich sie.

»Kenn ich nicht. Er sieht nur am vertrauenserweckendsten aus.« Sie zuckte mit den Schultern.

Die Band kletterte in den Bus und es fielen noch ein paar blöde Sprüche, alle wollten einfach nur noch los. Maja und ich umarmten uns ein letztes Mal.

An welcher Stelle Dan dazugekommen ist, der gerade meine Pizzareste verschlingt, kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Plötzlich war er da. Und als wir in der S-Bahn Richtung Hauptbahnhof saßen, redete er unermüdlich von Noten und Gitarrengriffen und Melodien. Edgar fragte: »Welches Instrument spielst du denn?«, und Dan antwortete: »Na gar keins!« Und es schien, als wäre er sehr stolz drauf.

Jetzt hat die Regionalbahn aber Verspätung und die Stimmung ist im Keller, zumal Dan sich in der Tat als eine kleine Nervensäge entpuppt. Er ist laut und hat so eine übertriebene Art – ständig in Bewegung, ständig am Rumpalavern, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Vielleicht hat er ja ADHS, das nie behandelt wurde.

»Ich sage euch, die BlackBirds sind die obergeilste Band! Ehrlich, geiler geht gar nicht, also so was von überhaupt nicht. Der totale Rock’n’Roll, aber so was von, das haut euch aus den Socken, das pustet einem den Hut von der Birne!«

Eigentlich redet er auch total komisch. Hut von der Birne pusten? Aus den Socken hauen? Wie alt ist er denn? Achtzig?

Edgar rollt mit den Augen und ich muss plötzlich laut lachen.

»Was?!«, fragen Edgar und Dan gleichzeitig und sehen mich verständnislos an.

Ich ziehe die Kamera aus der Tasche und drücke auf Play, halte auf Dan und bitte ihn, seine Lobeshymne noch einmal zu wiederholen. Was er auch bereitwillig macht. Edgar schummelt sich ins Bild und zeigt einen Vogel. Dan sieht ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und schüttelt den Kopf. »Weil du einfach mal keine Ahnung hast, Junge!«

»Ich bin nicht dein Junge!«, sagt Edgar und verschwindet wieder aus dem Bild.

Dan kommt der Kamera gefährlich nah, stößt mit seiner Nase dagegen und hinterlässt einen Fettfleck auf der Linse.

»Egal was alle sagen, ihr seid die Größten! Ehrlich die Größten! Bigger, better, faster and more! BlackBirds forever!« Er streckt seinen kleinen und den Zeigefinger beider Hände in die Kamera.

Ich zoome weg, will noch mal Edgar mit ins Bild kriegen, aber der steht zu weit weg, am Automaten, und zieht sich eine Packung Weingummis. Ich schalte die Kamera aus. »Danke Dan, das wird ein guter Einstieg in meine Doku.« Ich klopfe ihm auf die Schulter, so wie ich es bei den Equipmenteinpackern gesehen habe.

»Immer wieder gerne, Mann! Ich spiele gerne den Kasper für dich«, meint er und zwinkert mir zu.

Als die Regionalbahn endlich am Gleis einfährt, sind wir erleichtert. Die Verspätung wirft uns zwar zurück, aber zum zweiten Set dürften wir es schaffen.

Im Zug setze ich mich zwischen Dan und Edgar, als eine Art Puffer. Man braucht nicht besonders scharfsinnig sein, um zu merken, dass die beiden nicht unbedingt Freunde werden.

Edgar stöpselt seine Kopfhörer vom MP3-Player in die Ohren und sieht aus dem Fenster. Dan hat seine Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt. Sofort fängt es an zu müffeln. Er schiebt sein T-Shirt ein Stück nach oben, streicht sich genussvoll über den Bauch und grinst mich an. Ich schüttle den Kopf.

»Was?«, fragt er.

»Nichts, gar nichts. Ich wundere mich bloß.«

»Worüber?« Er schiebt eine Augenbraue nach oben.

»Über deine Selbstverständlichkeit«, antworte ich und ziehe mir ebenfalls die Schuhe von den Füßen. Der Zug ist angenehm leer, wir können uns also ausbreiten.

»Aha, du denkst also wirklich, ich bin hier so der Kasper. Der doofe Clown. Der Honk.«

»Bitte?« Natürlich muss ich lachen. Clown, Honk, wovon redet er eigentlich?

»Das ist schon okay. Passiert mir nicht zum ersten Mal. Die Leute sind ganz schön beschränkt in ihrer Wahrnehmung, weißt du. Entweder du bist Mr Obercool, so wie der da mit seinen Kopfhörern, oder du bist eben der Honk. So ist das nun mal.« Er wirft Edgar einen abschätzigen Blick zu.

»Warte mal, willst du mir damit sagen, ich wäre beschränkt?« Ich sehe ihm ins Gesicht, kann seinen Blick aber nicht einfangen.

»Nö, nö. Du verstehst schon, was ich sagen will. Ich meine, nur weil du die BlackBirds filmen darfst, bist du nicht besser oder so.« Jetzt wirkt er beleidigt.

»Du bist doch der Honk. Jedenfalls redest du so Honk-Zeug.« Ich schnappe mir die Kameratasche, öffne sie umständlich und überprüfe zum zehnten Mal die Akkus und sämtliche Bänder. Ich habe eine digitale Kamera mit Kassetten. Das ist mittlerweile unmodern, aber ich wollte gerne etwas in den Händen haben, etwas Konkreteres als einen winzigen Chip, den man so leicht verlieren kann.

»Ha! Na von mir aus. Bin ich für dich eben der Honk. Bittesehr!« Dan verschränkt die Arme vor der Brust, lehnt sich zurück, kuschelt sich in den gepolsterten Zugsitz und schließt die Augen.

Tja. Und jetzt sitze ich also hier, zwischen Mr Obercool und Mr Honk, und kann nur hoffen, dass es mit fortschreitendem Abend besser wird.

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LOKALKOLORIT NENNT MAN das, glaube ich, wenn man in Wittstock in eine alte, zum Tanzsaal umgebaute Scheune stolpert, wo auf Barhockern kettenrauchende Männer in Jeanswesten sitzen und die einzige Frau im Raum ist die dicke Bardame hinter dem Tresen in einer weißen Bluse mit großen roten Marienkäfern drauf. Auf den wenigen Tischen liegen blaue, abgenutzte Plastiktischdecken und an den Wänden hängen Hufeisen und Zaumzeug. Ich bilde mir ein, noch einen leichten Geruch von Pferden wahrnehmen zu können.

»Na bitte, wie aus dem Bilderbuch«, seufzt Edgar und stellt seinen Rucksack auf dem Boden ab.

Wir werden skeptisch beäugt, wie wir da in der Tür stehen und nicht wissen wohin. Die Bühne ist bis auf die Instrumente leer, es sieht aus, als mache die Band gerade Pause. Unser Timing ist super. Aus den Lautsprechern tönt der örtliche Radiosender mit Werbung für irgendeine Autowerkstatt namens Schmidt & Horn. Ich fühle mich sofort verunsichert unter den strengen Blicken der Jeanswestenmänner. Wahrscheinlich will man uns Grünschnäbel hier gar nicht haben, eigentlich sind wir auch nicht die Zielgruppe für solche Kneipen. Als es schon unangenehm wird, fasst Dan sich ein Herz und schlendert mit seinen O-Beinen rüber zum Tresen. Er quatscht mit der Bardame, nickt, lächelt, gibt sich charmant und winkt uns dann zu sich, ganz lässig, echt cool, könnte man sagen. Na ja, das kann er offenbar, die Bardame bezirzen, das muss man ihm lassen. Edgar und ich murmeln eine Art Begrüßung und lächeln blöd vor uns hin. Sie atmet laut aus und deutet mit dem Kopf zu einer Tür hinter der Bar.

Dan führt uns durch einen langen Korridor, vorbei an alten Türen mit abgeplatzter Farbe, vorbei am Personal-WC, vorbei an merkwürdig düsteren Landschaftsbildern, die links und rechts an den Wänden hängen. Ich schalte meine Kamera auf Play.

Im Backstage-Kabuff sitzen die Jungs und trinken Bier. Sie winken in die Kamera und rufen: »Na endlich! Wir dachten, ihr kommt gar nicht mehr! Prost!« Dan umarmt euphorisch einen nach dem anderen und alle knuffen sich wieder in die Schultern und Oberarme. Das scheint wohl so ein Ritual zu sein.

Edgar schmeißt seinen Rucksack in die Ecke und sich selber in einen Sitzsack, der so keimig aussieht, als hätten schon mehrere Backstage-Menschen versehentlich draufgepullert. Er winkt mir zu, dass ich meine Kamera auf ihn richten soll.

»Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!« Er gähnt demonstrativ.

»Halt bloß die Klappe, Edgar!«, ruft Robert, der Schlagzeuger, und wirft einen Bierdeckel nach ihm.

Ich blicke von meiner Kamera hoch und schaue mich im Raum nach Milo um, dem Sänger und Gitarristen der Band, sehe ihn aber nirgends.

Die Stimmung ist nicht gerade auf dem Höhepunkt, jedenfalls hatte ich mir Backstage immer viel aufregender vorgestellt. Ich dachte, da wäre ständig Party, aufgedrehte Stimmung und mindestens eine Handvoll Fans, die der Band an den Lippen hängen. Ich schalte meine Kamera aus und nehme mir eine Cola aus einem Eimer, der mit Eiswürfeln und Getränken gefüllt ist. Ich lehne mich an einen Schrank und lächle etwas verlegen, weil keiner was sagt, aber alle ihren Blick auf mich richten.

»Was?«, frage ich und nippe an meiner Cola.

»Eine Ansprache! Eine Ansprache!«, brüllen die Jungs im Chor.

»Ich bin nicht für die Ansprachen hier, sondern zum Filmen, aber gut … ihr wollt eine Ansprache. Nun …«, ich räuspere mich, » … der Weg war beschwerlich, ganz und gar nicht wie geplant, ich habe echt Hunger, weil ich meine Pizza verschenkt habe und der Imbissstand nicht offen war um diese Uhrzeit. Meine beiden Begleiter wären sich beinahe an die Gurgel gegangen, und nun komme ich hier an, als einziges Mädchen zwischen so vielen nach Bier riechenden Jungs, und es ist … wie soll ich das sagen? Also vom Rock’n’Roll hatte ich echt etwas anderes erwartet!«

»Buh!«, brüllen die Jungs und lachen.

»Du bist nicht das einzige Mädchen hier«, sagt eine Stimme hinter mir.

Ich drehe mich um und da steht Milo mit einem Mädchen im Arm. Sie streckt mir ihre Hand entgegen. »Ich bin Linda.« Sie lächelt und mustert mich aufmerksam von oben bis unten.

»Frieda.« Ich gebe ihr meine Hand und nicke auch Milo zu.

»Das Filmmädchen«, sagt er und grinst spöttisch, löst sich aus der Umarmung und holt sich eine Cola. Dann greift er nach der Gitarre und fängt an, darauf herumzuklimpern. Linda folgt ihm und fläzt sich auf den Boden zu seinen Füßen.

Edgar stellt sich zu mir, mit einem Bier in der Hand, er stößt damit leise an meine Colaflasche. »Filmmädchen? Mann, was für ein Arsch«, flüstert er mir ins Ohr.

»Ach was«, winke ich ab und beschließe, nicht zimperlich zu sein. Zimperlichkeiten kann man sich in so einer Horde von Jungs gar nicht leisten. Ich sehe aus den Augenwinkeln zu Linda rüber, die geistesabwesend an ihren Haaren spielt und an die Decke schaut, als gäbe es dort etwas Wichtiges zu sehen. Ich brauche sie als Verbündete. Unbedingt!

Die Tür wird aufgerissen, die dicke Barfrau steht im Zimmer und zieht ihre Stirn in Falten. »Hey! Geht’s hier mal weiter oder was?« Ihre Stimme ist unglaublich tief.

Die Jungs stehen plötzlich stramm, murmeln »Ja, Ma’am«, keiner will es sich mit der Barfrau verscherzen.

Ich bringe mich mit meiner Kamera in Position, um die Jungs auf ihrem Weg zur Bühne zu begleiten. So eine Szene gehört in jede Banddokumentation. Ich will meinen Job gut machen. Ich, Filmmädchen. Mann, Edgar hat recht, was für ein Arsch!

Als die Band die Bühne betritt, sieht man bei den Jeanswestenmännern nur mäßige Begeisterung. Einer klatscht, aber es könnte auch Hohn sein. Die Barfrau verschränkt die Arme vor ihrem gewaltigen Busen.

Ich bin froh, dass ich hier nicht auftreten muss.

Robert schlägt zum Einstieg auf sein Schlagzeug ein, ein kleines Solo. Das Publikum zeigt keine Reaktion. Linda setzt sich im Schneidersitz vor die Bühne und flicht sich einen dünnen Zopf in ihr Haar. Edgar und Dan bleiben an der Theke stehen und ich verschanze mich hinter meiner Kamera.

Milo legt sich den Gitarrengurt um die Schulter und sieht am Publikum vorbei, irgendwohin, weit weg, mit diesem magischen Ihr-könnt-mich-alle-mal-Blick.

Tom verkriecht sich mit seinem Bass in die linke Ecke der Bühne und dreht sich zu Robert, der immer noch wie wild auf die Drums eindrischt … one, two, three, four. Er hält kurz inne und schon ertönen die ersten Gitarrenriffs. Milo fährt sich konzentriert mit der Zunge über die Lippen, Tom steigt mit seinem Bass ein und Robert setzt an der Stelle wieder an, wo er kurz zuvor aufgehört hat. Pfiffe aus dem Publikum. Ich richte meine Kamera dorthin und sehe, dass es Pfiffe der Zustimmung sind. Die mürrischen Jeanswestenmänner lächeln jetzt und nicken zufrieden. Die Barfrau schwingt ihre Hüften und pfeift zwischen den Fingern hindurch. Dan und Edgar treten lässig mit ihren Füßen auf dem Boden den Takt mit. Und auch ich kann mich nicht mehr wehren, gegen Musik nie, mir läuft plötzlich das Herz fast über vor Freude, hier mit dabei sein zu dürfen. Die nervige Reise ist sofort vergessen, auch das ewige Warten, das Hungergefühl, jetzt zählt nichts mehr, außer die Musik, die diese Nacht in etwas unglaublich Magisches verwandelt.

Fünf Songs später schalte ich meine Kamera aus und setze mich zu Linda auf den Boden. Sie reicht mir ihr Bier, ich nehme einen Schluck und gebe es ihr mit einem Lächeln zurück.

»Ist er nicht toll?«, schreit sie mir ins Ohr, um die Musik zu übertönen.

»Wer?!« Ich stelle mich dumm.

»Na, Milo natürlich!« Sie sieht mich an, als wäre ich unterbelichtet.

»Ach so, na ja, nicht mein Typ … aber toll ja, schon … also musikalisch.« Das ist eine glatte Lüge. Natürlich ist er voll mein Typ. Alleine wie sein dunkles Haar ihm vor die Augen fällt ist unwiderstehlich. Ich kenne Milo schon ein bisschen, habe ihn auf mehreren Konzerten gesehen und mich einmal kurz mit ihm unterhalten. Allerdings war ich zu der Zeit immer mit Jeffer unterwegs, und der hatte meine volle Aufmerksamkeit, deshalb habe ich über Milo nicht weiter nachgedacht. Und jetzt ist er mit Linda unterwegs, also ist das auch schlechtes Timing.

Dan und Edgar kommen zu uns rüber und Dan zieht mich am Arm wieder auf die Beine. »Jetzt wird getanzt!«

Ich zögere kurz, aber Dan lässt nicht locker. »Ich habe mich heute für dich zum Honk gemacht, jetzt kannst du das wohl auch!« Er hat ja recht.

Sofort stürmt auch die Bardame die Tanzfläche und drei von den Westentypen springen gleich um sie herum. Ich wirble über die Tanzfläche, drehe mich, werfe die Arme in die Luft. Gitarrenmusik ist das Beste, was es gibt!

Die BlackBirds spielen eine Mischung aus Led Zeppelin, Black Crowes und Kings of Leon. Laut und zornig. Wenn ich sie live spielen sehe, werde ich sofort von diesem Zorn angesteckt. Ich kann nicht genau sagen, gegen was sich der Zorn richtet, es ist eher ein brodelndes Gefühl, das schwer im Magen liegt, doch das Beste ist, so lange zu tanzen, bis sich der Knoten gelöst hat. Ich schüttle meine Haare, schließe die Augen und schwinge den Kopf wild hin und her, bis ich die Orientierung verliere und für einen Augenblick Zeit und Raum völlig vergesse. Linda greift nach meiner Hand und wir tanzen eine Weile gemeinsam.

Nach einer Stunde ist das Konzert vorbei. Milos Haare kleben in Strähnen an seiner Stirn. Die Jungs verbeugen sich. Milo springt von der Bühne, mit einem entschuldigendem Lächeln eilt er zur Toilette. Der Applaus verhallt, die Technikerjungs fangen an, die Instrumente abzubauen. Robert bleibt völlig erledigt an seinem Schlagzeug sitzen und starrt zu Boden.

»Alles in Ordnung mit dem?«, frage ich, und Dan antwortet: »Aber sicher, der hat sich nur mal wieder die Seele aus dem Leib gespielt. Ist jedes Mal so. Ich glaube, der kann nach all dem gar nicht reden. Jedes Mal, wenn ich ihn danach angesprochen habe, hat er mir den Mittelfinger gezeigt.«

Ich bestelle mir an der Bar eine Apfelschorle und wische mir den Schweiß von der Stirn. Mein Shirt klebt an meinem Rücken, ich zupfe es mir von der Haut und wedle frische Luft dorthin. Als die Barfrau mir das Glas reicht, trinke ich die Schorle in einem Zug aus und hole dann meine Kamera für ein paar Interviews.

BARDAME: Was soll ich denn sagen? Viel Umsatz haben sie mir nicht unbedingt gebracht. Aber ich hatte meinen Spaß.

Es fehlen die jungen Leute. Also außer ihr, aber ihr seid ja die Clique, das zählt nicht. Die jungen Leute fehlen, weil die nichts von Musik verstehen. Die hören dieses Technozeug. Immer noch. Ich dachte, das wäre out, aber die hören das. Na ja, vielleicht liegt das daran, dass wir hier so fast auf dem Dorf sind. Wie auch immer, die verstehen nichts von echter, handgemachter Musik. Die BlackBirds habe ich mal in Berlin gesehen, in so einer kleinen Bar, da war ich bei meinem Bruder zu Besuch. Der wohnt in Kreuzberg. Ist nicht übel da. Viel gute Musik. Die Band kann gerne wieder kommen, wenn sie es aushalten, immer wieder in die selben Gesichter zu gucken. Ist ja ein Laden, der von Stammkundschaft lebt. Ich kann mich nicht beklagen … so ein Auftritt der BlackBirds ist schon ein kleiner Höhepunkt hier. Also Jungs, ihr seid immer willkommen!

JEANSWESTENTYP RUDI: Ich bin fast jeden Abend in der Scheune. Was soll man hier auch sonst machen? Ist der einzige Ort, wo du so ein bisschen sein kannst, wie du bist. Verstehst du?

Die Jungs da auf der Bühne sind nicht übel. Schöne alte Musik spielen die, da steht so ein alter Knacker wie ich drauf. (Augenzwinkern)

Aber jetzt muss ich nach Hause. Meine Frau wird meckern, weil ich wieder zu viele Zigaretten geraucht habe. Sie kann den Qualmgeruch nicht ausstehen. Ich habe in der Tasche immer so ein Deodorant gegen den Geruch, schau mal … was steht da drauf? Tabac Original. Ha, schau mal … das steht da wirklich drauf. Ist das nicht lustig? Tabac geben Tabak! Ha, das ist gut. Ist mir noch nie aufgefallen.

JEANSWESTENTYP FRANZ: Ich weiß nicht. Ich will jetzt hier auch nichts Gemeines sagen, aber ich gebe zu, ich bin skeptisch. Die Musik ist schon gut, die Jungs beherrschen ihr Handwerk. Nur, ich frage mich, warum sie dieses alte Zeug spielen. Ich meine, die könnten sich doch auch etwas Eigenes einfallen lassen, oder nicht? Nicht böse gemeint! Ich meine ja bloß.

LINDA: Oh Gott, ja. Sie sind die Besten! Wirklich, ich bin immer hin und weg, jedes Mal.

Intensiv! Genau das ist die Musik. Ich könnte mir die jeden Abend angucken. Ich bin glücklich, wenn ich sie sehen kann. Ja, glücklich. Meine Mutter kriegt immer die Krise, weil die BlackBirds-CD bei mir ständig läuft. Tag und Nacht fast. Aber gut, ich meine, rate bloß mal, worauf meine Mutter steht … na? Schlager natürlich! Die rennt immer in diese Hafenbar … mein Gott, Schlager sind echt das Letzte, also wirklich! Ist mir total peinlich. Ah, ich hätte das nicht sagen sollen. Kannst du das wieder löschen?

Ich muss mal dringend auf Klo!

Ich schalte die Kamera aus und lege sie auf den Tresen, bestelle mir einen Kaffee, weil ich merke, wie die Müdigkeit mich wieder überkommt.

Die Bar ist mittlerweile beinahe leer, es ist schon fast um zwei. Die Bardame poliert ein paar letzte Gläser und zwinkert mir aufmunternd zu.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Milo auf mich zukommen. Er setzt sich auf den Hocker neben mich.

»Na, Filmmädchen!« Er lächelt.

»Kannst du mir einen Gefallen tun und mich nicht Filmmädchen nennen? Ich heiße Frieda.«

»Ich weiß, wie du heißt.«

»Umso besser.«

»Was macht das Leben?« Er stützt seinen Ellenbogen auf den Tresen, legt seinen Kopf in die Hand und sieht mir herausfordernd in die Augen.

»Tja, ich bin jetzt hier und werde sehen, wohin mich das bringt.« Was für ein total bescheuerter Satz! Der ist so blöd, dass ich nur an Milo vorbeischauen kann, rüber zur Bühne, und so tun, als würden mich Abbauarbeiten übermäßg interessieren.

Milo grinst und nimmt einen Schluck von meinem Kaffee.

»Kann ich deine Aufnahmen sehen?« Er fährt schon seine Hand aus und will nach meiner Kamara greifen.

»Nein«, antworte ich freundlich, aber bestimmt, und schiebe seine Hand wieder weg.

»Warum?«, fragt er etwas beleidigt.

»Weil man das Werk erst sehen kann, wenn es fertig ist. Zwischendrin kann ich keine Kommentare gebrauchen.«

»Filmmädchen weiß, was es will!«

»Soll ich auch anfangen, dich Sängerjunge zu nennen?« Ich ahme seine Körperhaltung nach und stütze meinen Kopf in die Hand. Er grinst, beugt sich nach vorne und kommt mit seinem Gesicht ganz nah an meins. Er öffnet seine Lippen, um etwas zu erwidern, aber in dem Moment taucht Linda von der Toilette wieder auf und drängt sich zwischen unsere beiden Barhocker. »Alles klar?« Sie schaut mit einem angespannten Lächeln abwechselnd zu mir und zu Milo.

Ich lächle zurück.»Klar doch.«

Milo trinkt meinen Kaffee zu Ende aus. Dann nimmt er Lindas Kopf in seine Hände und küsst sie auf die Lippen. Dabei öffnet er die Augen und sieht mich direkt an. Ich wende meinen Blick ab.

Die Pension liegt in derselben Straße wie die Scheune. Das Zimmer riecht muffig, die Einrichtung und der lila Teppichboden stammen wahrscheinlich noch aus den Achtzigern. Nach einer kurzen Dusche im Gemeinschaftsbad im Flur liege ich im Bett und starre an die Decke. Die Müdigkeit ist unerträglich, aber schon so weit fortgeschritten, dass es mir schwerfällt, entspannt einzuschlafen.

In meinen Ohren fiept es, weil ich keine Stöpsel benutzt habe und trotzdem zum Filmen immer in der Nähe der großen Lautsprecher stand. Mein Vater hat mir vor der Abreise Ohrstöpsel in die Tasche gepackt, aber die sehen albern aus, quellen unappetitlich aus den Ohren, die wären mir wirklich peinlich.

Aus dem Nebenzimmer höre ich dumpfe Geräusche. Die Jungs sind dort einquartiert. Edgar, Dan, die Techniker. Ich habe ein Einzelzimmer, das einzige in dieser kleinen Pension, die auch der Bardame gehört.

»Wer nichts wird, wird Wirt! Aber ich habe wenigstens noch mein kleines Hotel«, erklärte sie stolz, als sie uns die Zimmer zeigte.

Linda teilt sich ein Zimmer mit den BlackBirds. Sie war am Ende ganz schön betrunken und musste ins Bett getragen werden. Von Robert und Tom. Milo war auf einmal verschwunden.

Überhaupt war die Stimmung am Ende nicht mehr die beste, alle waren erschöpft, ausgelaugt, einige wurden zänkisch. Der Alkohol ist nur bis zu einem gewissen Punkt ein Stimmungmacher, danach kippt es meistens.

Ich verabschiedete mich und sah mir im Zimmer noch die Aufnahmen des Tages an. Es schien so weit weg zu sein, dass der Tourbus beladen wurde. Als ich auf die Uhr sah, war es schon kurz nach vier.

Jetzt hört man die Vögel zwitschern, sie beginnen den Tag, den ich gerne beenden möchte und nicht kann, weil mir Gedanken und Bilder durch den Kopf rasen, ich mich einsam fühle und das Ohrfiepen einfach nicht ausblenden kann.

Morgen geht es nach Brandenburg an der Havel, ein etwas größerer Gig in einem Jugendclub. Es gab dafür sogar einen Kartenvorverkauf.

Ich habe gehört (von wem eigentlich?), dass irgendwoher noch ein Auto aufgetrieben wurde und dass Edgar, Dan und ich nun nicht mehr mit dem Zug fahren müssen. Das ist eine große Erleichterung und ich werde mich auch nicht mehr so außenseitermäßig fühlen.

Wohin war Milo eigentlich verschwunden?

Ob er wieder aufgetaucht ist?

Schlafen er und Linda in einem Bett? Und wenn ja, sind Robert und Tom eigentlich genervt davon?

Etwas rumpelt leise gegen meiner Tür. Mein Herz klopft bis zum Hals. »Ja?«

»Ich bin’s, Edgar.«

Ich laufe zur Tür und schließe auf

Edgar steckt seinen Kopf ins Zimmer. »Bei dir war noch Licht … Du, kann ich mich hier bei dir auf den Boden knallen? Die Jungs furzen da nebenan wie bescheuert und schnarchen und dünsten ihr Bier aus.«

»Klar«, sage ich und überlege kurz, Edgar Platz in meinem Bett zu machen, entscheide mich aber dagegen. Man weiß ja, wo so was hinführt, wenn man so übermüdet und wirklichkeitsentfremdet ist.

Er legt sich auf den Boden und kuschelt sich in seine Decke ein. »Nacht«, murmelt er, und noch ehe ich antworten kann, höre ich schon seine gleichmäßigen Atemzüge.